Berichten, Erklären, Einordnen

KI und die Rolle der Medien:

schön wär's!

 

In zahllosen Entwicklungen haben Menschen ihren Hang unter Beweis gestellt, kurzfristig die Folgen einer Entwicklung zu über- und langfristig zu unterschätzen. Das liegt, könnte man sagen, in der Natur der Sache:

Der Gartner Hype Cycle (Quelle: Wikimedia)

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Am Anfang zeigt eine „Entwicklung“, das mag eine Erfindung sein oder ein Trend, ihr Potential. Wenn sich die Antwort auf eine Frage erst andeutet, entfaltet sich der Imaginationsraum darüber, was diese Antwort alles bewirken könnte: „Wir müssen nie mehr arbeiten.“ oder „Wir werden alle versklavt.“ Schält sich dann die Antwort langsam aus dem Nebel heraus, das Mögliche wird das Wirkliche, dann zeigen sich sehr oft die Mühen der Ebene: es klappt, aber nicht so richtig, es klappt gut, hat aber Nebenwirkungen, es funktioniert überhaupt nicht, aber etwas anderes stattdessen. 

In den späteren 1990er Jahren gab es eine explosionsartige Entwicklung, Internet genannt. Einer der zentralen Treiber war der Netscape-Browser, der „plötzlich“ eine benutzerfreundliche Oberfläche als Schnittstelle zu einem neuen Universum bereitstellte. Alles schien möglich, wissenschaftliche und ökonomische Studien überschlugen sich mit ihren Prognosen, Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden und in Null-Komma-Nix wurden spätpubertierende Jugendliche zu Millionären und gar Milliardären. Bis zum März 2000 hatte sich dann aber herumgesprochen, dass viele dieser Unternehmen mehr Geld verbrannten, als dass sie Aussichten auf Erfolg nachweisen konnten. Die DotCom-Blase platze. Jackie Fenn von Gartner hatte bereits 1995 den HypeCycle gesehen und beschrieben, eine seither berühmte Kurve (rechts):

Mit der KI mag es nun ähnlich kommen. 
Obwohl.

Jetzt könnte man argumentieren, dass die KI ihr Jammertal bereits hinter sich habe und auf dem neuerlichen Anstieg auf das zweite Plateau sei, die „Landing Platform“. Die erstaunlichen Fortschritte im „Machine Learning“ und bei der Erstellung künstlicher „Neuronaler Netze“ deuten in diese Richtung. Einer der Apologeten dieser Technologie, Jürgen Schmidhuber, ist der Meinung, dass Bewusstsein eine natürliche Folge von Intelligenz ist, und daher die Maschinen aktuell gleichsam Anlauf nehmen, den Menschen „zu überholen“. Wie weit das geht, gehen könnte, ist Gegenstand schriller Imagination und dystopischer Phantasien: die Evolotion der Menschheit tritt in eine neue Phase, am Brain Interface wird massiv geforscht, Cyborgs werden möglich. Bei Ray Kurzweil hiess es sinngemäss (1999, in "Homo Sapiens", ich zitiere aus dem Gedächtnis): wer sich sich im Jahre 2040 weigere, via Neuro-Enhancement die eigene Intelligenz zu boosten, werde nicht mehr in der Lage sein, auf der Höhe der Zeit zu kommunizieren; und „Original-Substrat-Menschen“ würden zu einer aussterbenden Spezies. 

So oder so, KI ist der derzeit heisseste Scheiss; eine an der Aufmerksamkeits-Nadel hängende Medienlandschaft peitscht die Sau durchs Dorf, die dümmsten Schlagzeilen sind gut genug. Wer auch nur KI als AI zu buchstabieren versteht, sieht sich ermächtigt und legitimiert, Forderungen an die Bundesregierung zu stellen, Forschungs-Programme für gut oder unterfinanziert zu erklären, ein nationales Hinterherhinken zu beklagen oder eine nationale Führungsposition zu deklarieren. „Leider leidet der im Anschluss an den Anspruch skizzierte Weg dorthin bislang wesentlich unter drei Dingen: er ist unkonkret, unausgegoren und unsortiert.“ so plusterte sich Alexander Armbruster kürzlich in der FAZ auf, „Hoffentlich ist die im  November fertige KI-Strategie der Bundesregierung konkreter und kürzer als die Eckpunkte. Gern darf etwas weniger von Ethik oder einem breitestmöglichen Diskurs die Rede sein und mehr von gezielten Massnahmen, die sich schnell verwirklichen lassen. … Und wenn der deutsche KI-Plan Lücken lässt, ist das nicht schlimm …“ Das würde dann auf dem Weg der Rückkopplung schon korrigiert. 

Berichten, erklären, einordnen; naja – in Zeiten der Fakten-freien Meinungsbildung überspringen die Medien diesen Teil gern mit ein wenig Click-Baiting und liefern direkt die Parolen für den Stammtisch. Gut, deswegen nennen wir das ja auch: die Tagespresse. Nun könnte wie man beim Radio sagen, das versendet sich! Wäre es nicht ein breiter Tenor in der veröffentlichten und auch nicht veröffentlichen Öffentlichkeit, dass Deutschland „gefälligst“ einmal seine Beine in die Hand zu nehmen hätte und dem Thema das nötige Tempo angedeihen solle; „.. und ein bisschen weniger Diskurs…“, also: schwätzet net!

Ich selbst, gesegnet mit einem bestenfalls mittleren Sachverstand, dafür aber umso flinkeren Fingern, kann natürlich auch nicht bescheiden abseits stehen und die Klappe halten. Wo kämen wir da hin! Ich habe mich hier schon einmal ausführlich zu den Risiken der AI geäussert. Das muss ich dann nicht nochmal schreiben. 

Mir geht es heute darum, das „Problem der öffentlichen Meinung“ im Juste Milieu zu adressieren. Das beginnt, so meine ich, mit den begrifflichen Unschärfen. Unter der Fliegenklatsche KI versammelt sich derzeit eine Vielzahl von Teilbereichen; wir zählen das Autonome Fahren in diesen Bereich, zahlreiche Anwendungsformen der Mustererkennung, etwa bei der Analyse grosser Datenpools (Stichwort: Big Data), in der Medizin, in der Grundlagen- aber auch in der Sozialforschung, das bereits genannte Maschine Learning, die Neuronalen Netze; ein anderer Bereich sind (na, werden noch) digitale Assistenten wie Siri oder Alexa, die möglicherweise mit Bereichen der Robotik konvergieren oder, im industriellen Umfeld, zu autonomen Aktoren werden. Letztlich ist der Raum möglicher Anwendungen unbegrenzt – und folglich ist es schädlich bis desaströs, das Spektrum möglicher Entwicklungen unter einem Schrotbegriff wie KI anzusprechen.

Allerdings ist eine differenzierte Betrachtung der mannigfachen Entwicklungslinien nur der erste Schritt, der zweite adressiert ein Menschen-altes Problem: Technologie ist immer ambivalent. Keine je erfundene Technologie liesse sich auf „gute“, den Einzelnen oder das Gemeinwohl fördernde Zwecke beschränken; eine dunkle Seite tritt immer auf den Plan. Schon die Zwecke „des Einzelnen“ sind ambivalent. Und selbst das Gemeinwohl hat Facetten, etwa wenn es um die Abwägung von Gruppeninteressen geht. Weil das so ist, ist es immer auch problematisch, Entscheidungen zu oder über solche Entwicklungen tagespolitisch auszuhandeln. Jeder weiss das. Eigentlich.

Aber auch das ist noch nicht das eigentliche, sozusagen „finale“ Problem; denn mit dem grundsätzlichen Teil der Ambivalenz von Technologie haben wir als Menschen umzugehen gelernt. Mehr schlecht als recht, schon wahr; doch bei der KI kommt ein Faktor hinzu, dessentwegen sich jede fahrlässige Diskussion, wie sie Herr Armbruster an den Tag legt, verbietet. Natürlich ist dieser Faktor die „Autonomie“, die eine Technik erlangt, die implizit Zugriff auf „alle“ Technik erlangt, jedenfalls auf alle vernetzte Technik. Herr Wahlster, seines Zeichens Papst am DFKI in Saarbrücken, hat es soeben in der Zeit so gesagt: „ … Sie lernen also aus Daten, und es entstehen manchmal neuartige Ergebnisse, die der Mensch nicht vorhergesehen hat. Insofern steckt in ihnen etwas Autonomes. Aber diese Systeme können uns leider nicht immer erklären, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen.“ 

So lange das gut geht …, aber Murphys Law besagt, dass schief gehen wird, was schief gehen kann. Denken wir allein an die von Herrn Armbruster so grosszügig eingeräumten Rückkopplungsschleifen … die Folgen eines blossen Bug möchte ich mir bei einer Technologie, die auf alle vernetzte Technologie zugreifen kann, nicht vorstellen. Und das ist „nur“ die Diskussion eines möglichen Fehlers! Wenn Herr Schmidhuber Recht hat, und dieser fehlerbehafteten Technologie wüchse zudem noch ein Bewusstsein zu, von dem sie uns im Zweifel nichts verrät …; offen gesagt: dagegen erscheinen mir die „Ethik-Probleme“ von denen beim Autonomen Fahren oft gesprochen wird als – würde es nicht auch da um Menschenleben gehen –, als überschaubar.

Ich will, wie gesagt, nicht neuerlich von den Risiken sprechen; mir geht es hier um einen verantwortungslosen medialen Umgang mit Technologien, von denen wir WISSEN, dass etwas schief gehen wird. Ich fass das mal zusammen:

Nichts gegen gute Zwecke! DESwegen braucht es eine Diskussion, die die mannigfachen Teilentwicklungen der KI so differenziert und auf ihre möglichen Folgen abschätzt, dass wir die Risiken erkennen bevor sie eintreten. Der ignorante Positivismus, der derzeit die Debatte prägt, ist dazu nicht nur ungeeignet, sondern lebensgefährlich.