Dem Fanboy

The Apple Nation

Dem Fanboy

seine Gänsehaut

Überschrift in der ZEIT
Der Staat wird, wenn er kann, tun, was er will.

Ich bin Mac-User seit 1985

Über die ersten Jahrzehnte blieb ich dabei, weil mich die Technik und die Software überzeugte – und als ich einmal beruflich ein paar Jahre fremdgehen musste (!), fühlte sich das an wie mehrere Amputationen gleichzeitig. Es gab Beziehungskrisen. Es gab Führungskrisen. Es gab Zweifel. Steve Jobs polarisierte als Persönlichkeit. Doch nach seiner Rückkehr wurde Apple zum erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Inzwischen bin ich „so tief im Apple-Ökosystem verankert“, dass jeder Versuch einer Abkehr vom wahren Glauben einer Verbannung auf die Teufelsinsel gleich käme. Gleichwohl bahnt sich neuerlich eine Krise an.

Wenn Tim Cook heute, wie jüngst bei der WWDC-Keynote, Privacy und Datenhoheit garantiert und als Core Value des Unternehmens inszeniert, glaube ich ihm, dass er das meint, nicht aber, dass Apple das auch tut. Wie wir im verlinkten Artikel der ZEIT (mit Verweis auf die NYTimes) sehen oder wenigstens mutmassen müssen, liegt das nur teilweise in der Verantwortung des Unternehmens; die Betroffenen kann das nicht beruhigen.

Mit der „Privacy“ auf dem Schild hat Apple unsere Fingerabdrücke, unsere biometrischen Daten, unsere Gesundheitsdaten bis in den Schlaf hinein, unsere Interessen und Vorlieben, unsere Konsum- und Zahlungsdaten – und jetzt wollen sie auch noch unsere Ausweispapiere und Haustürschlüssel.

Selbst einem Fanboy wie mir stehen dabei die Nackenhaare hoch. Der gute Wille zählt wenig, wenn der Staat sich um die Versprechen des Unternehmens nicht kümmert und – unter Androhung von, ja, was? – in dessen Datenbestände durchgreift.

Wozu der Staat willens und in der Lage ist, hat der grosse Mafia-Coup gezeigt, der diese Woche Schlagzeilen gemacht hat – und wir beruhigen uns damit, dass es bei der Gelegenheit vermutlich keinen Falschen traf. Das ist, natürlich, irgendwas zwischen kurzsichtig und vorsätzlich blind. Denn was kriminell oder auch nur „verdächtig“ ist, oder was nicht, (Doppel-)Stichwort Nawalny, Stichwort Gülen-Putsch, Stichwort Tian’anmen-Platz und auch Stichwort Adam Schiff/Eric Swalwell – das definiert der Staat, im Zweifel sogar rückwirkend. Xi Jinping, Putin, Lukaschenko, Erdogan, Trump, ob gewählt oder nicht, sie sind nur die aktuellen Platzhalter. Im Zweifel bemächtigt sich „der Staat“ der Daten, die er haben will. Und die Plattform-Ökonomie hält die Steigbügel.

Wir lassen das geschehen.

Gerade der Mafia-Coup gibt einen Hinweis darauf, warum. WEIL die kriminellen Strukturen staatliche Repression fürchten müssen, haben sie versucht, sich dieser durch die Nutzung von Krypto-Geräten zu entziehen (die ihnen der Staat trickreich zugespielt hatte). WEIL Du und ich „nichts zu verbergen“ haben, und wir jedenfalls keine staatlichen Übergriffe fürchten, gehen uns diese sich immer weiter ausdifferenzierenden BigBrother-Technologien nichts an. Glauben wir. Solange, bis wir selbst einmal – wer weiss, vielleicht auf einer Reise, in einem Ryan Air-Flug? – davon betroffen sind. Dann, erst dann, wachen wir auf. 

So what! 

Ich vermeide das ?, denn es geht um die Conclusio. So what: what!
Was die Welt braucht, ist a) die Übernahme der Datenhoheit in die Menschenrechte. Was die Welt braucht, ist b) ein Treuhänder „für den legitimen Datenbestand eines jeden Menschen“, auf dessen Systeme, Strukturen und Technologien die Staaten keinen Durchgriff haben. Auch was c) „legitim“ ist, würde dazu der staatlichen Vorgabe entzogen werden müssen und in den Modus operandi des Treuhänders eingehen. Und dann ist es eine logisches Konsequenz dieses Gedankens, dass der Treuhänder auch d) zum zentralen Provider werden müsste – nur so könnten die Daten von den WildWest-Zugriffen unserer Tage freigehalten werden. Letztlich, wenn man das zu Ende denkt, konstituiert sich der Treuhänder als eine supranationale, mit eigener Souveränität ausgestattete Company – oder eine „Net Nation“, wie ich sie 2001 (aus damaliger Sicht) beschrieben habe, die eine „DatenBank“ betreibt (siehe).

Seit zwanzig Jahren hoffe ich darauf, dass irgendwer irgendwo meine Konzepte aufgreift. Nichts dagegen, wenn sie oder er von selbst drauf kommt, mir geht es um die Sache. Wenn nun aber Apple (und andere in anderer Form) mehr und mehr Bestandteile dieser Konzepte ins Werk setzt, ohne dass die genannten Garantien als Voraussetzungen geschaffen sind (Menschenrechte, Unabhängigkeit), dann werden die Konzepte zum Matrix-Alptraum.

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