Erik Spiekermann

Setzen Sie sich!

Eine Anekdote

 

Guten Tag, Wir kennen uns nicht – … meine Frage wird Ihnen etwas seltsam vorkommen: 
Sind Sie mit Gabi *** verheiratet?

Kennen wir uns?

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Wenn ich nur wüsste, wer mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, ich würde ihn zur Rede stellen; genau erinnere ich nur, dass der Typ mir auch erzählt hatte, Gabi hätte in Biologie promoviert und sei Forscherin geworden. Was für sich genommen bereits eine Nachricht war, weil in der Zeit, in der ich mit ihr bekannt war, schien sie eher, sozusagen dem mütterlichen Vorbild folgend, eher eine glänzende Karriere als Trophäe vor sich zu haben. Weil …  auch ihre Intelligenz nicht zu übersehen war. Anyway: fake news. Die Story erwies sich, mindestens für den Teil, der mit Erik Spiekermann in Verbindung gebracht worden war, als blanker Unsinn.
 

Disclaimer: Der Verdacht einer Werbebotschaft könnte aufkommen ... 

Ich kenne Erik nicht, kannte ihn nicht, und es war eine spontane Schnapsidee, ihn aufzusuchen. Von einer Berliner Kunstbuchmesse hatte der Freund tags zuvor ein Buch mitgebracht: Wo ich doch einen Faible für Typographie hätte, da könnte mich das interessieren. Tat es! Es heisst „Stop Stealing Sheep”, die 4th Edition ist von 2022, seit 1992 erscheint es con variazioni. Darin diskutiert der Autor in sachlichen, persönlichen und verschiedenen anderen Tonlagen, und insbesondere vermittels einer bestechenden Präsentation ALLES, was es über Typographie zu sagen gibt; das ist nur wenig  übertrieben. Wer das Buch gelesen hat, und sei es: nur durchgeschaut: zu schauen gibt es viel, weiss danach mindestens ALLES, das sie oder ihn aus jenem achtlosen Mittelmass erhebt, das sich typographisch schlicht ALLES gefallen lässt. Daneben lernen sie & er auch ein paar wenige Schriften kennen, ungefähr 240, kaum mehr als eine Handvoll, gemessen an den 100-, 200- oder 300.000 Schriften, die es gibt; genauere Daten fehlen. Das Werk ist überaus unterhaltsam, allein das zusammengetragene Bildmaterial wäre das Buch wert – dabei spielt es lediglich die erste Nebenrolle!

Also gut, es kam als Geschenk zu mir, als solches war es eine Überraschung; abgesehen davon öffnete es dann auch ein paar Türen in der Villa meiner Erinnerungen, die ich eine Reihe von Jahren nicht mehr geöffnet hatte. Mittelbar, insofern, begleitet mich Erik Spiekermann seit Jahrzehnten, in der Villa firmiert er als visuell-intellektuelles Inventar: mit ihm seine Schriften, sein FontShop und – durch mindestens fünf Wohnungen – der FontShop-Katalog, vor allem der. Zufällig ist das nicht, ich habe eine angeerbte Ader für das Sichtbare, das Sehen, die Erscheinung, das Gestalten, das Layout, …. schon in der Schule malte ich DIN-A3-grosse Buchstaben-Kollagen, bei denen es darauf ankam, dass die Proportionen stimmten, die Kurven, die Längen, die Dickten, … und mit dem Mac wurde ich 1985 Medienentwickler usw.; das soll nur sagen: Erik war mir bereits vor Jahrzehnten ein vertrauter Held. Obwohl, das muss ich einräumen, er teilte den Heldensockel lange Zeit mit Neville Brody, dessen Buch „The Graphic Language of Neville Brody” mich mindestens ebenso begeistert hatte.

Nun lagen die gestohlenen Schafe schon mal auf meinem Schreibtisch, da ich blätterte ich dann auch und amüsierte mich. Las das Impressum, schau da. Herr Spiekermann betreibt eine Werkstatt in Berlin, und ich fahre fast täglich daran vorbei! So kam der Gedanke, nicht gleich, etwas Zeit verging, es war auf dem Rückweg von der StaBi, ich schaute nach rechts, die Nummer 58 und erinnerte mich, es müsste die 98 sein. Du verstehst: spontan. 

Jetzt ragt ein Seitenstrang in die Geschichte, und der Teil ist nur andeutungsweise für’s Publikum geeignet: es war aber nun so, dass mich mit Gabi *** auch eine Geschichte verband. In der ästhetische Kriterien, die Linienführung, die Proportionen usw., eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatten, und von denen einige nachhaltig, ja, man könnte sagen: dauerhaft, ins Reich der Erinnerungen übergesiedelt waren und dort lange und immer wieder mal ihren Schabernack trieben. Was soll ich sagen: an Erik Spiekermann interessierte mich zunächst einmal eher seine Frau Gabi. Deswegen stoppte ich in Höhe der P98a, deswegen stieg ich vom Rad, zögerlich, kann man das machen?, deswegen öffnete ich die Tür zur Werkstatt, und deswegen stellte ich diese blödsinnige Frage.

Wirklich überraschend dessen Reaktion: Es muss ungefähr folgendes passiert sein, wie es so is mit der Erinnerung, ein Wort gab das andere:  

Wie bitte?
Was denn das fürne Frage?

Wie war der Name?  
[***] …  
Also nee, dascha’n dolles Ding, da muss man ersma drauf kommen. 
Witzig! Wasn Spruch? [zur Kollegin] Macht der das öfter so?

Jetzt nehmen Sie mal Platz, das müssen wir jetzt genauer …
Neee! Wie oft haben Sie das schon gemacht?! Das ja wirklich mal ein ganz neuer Angang! 
Wie war der Name? 
Gabi ***? 
Gottnee, Gabi das ja auch ein überaus deutscher Name – und dann auch noch ***!
Ja, so war das: Susanne, Sabine, Gabi oder Petra, Gerlinde manchmal, Regina gelegentlich, ne?!
Eine Schulfreundin? Ahh, mehr als das! 
Von welcher Schule?

Wo is die denn? 
In Hannover? – ich komme ja aus Stadthagen.  
[Hannoveraner wissen, dass Stadthagen einen Steinwurf im Westen liegt]

Und hab Verwandte in Hannover, einen Onkel, der arbeitete im Anzeiger.  
[Mein Vater auch] 
Neee! 
[Doch!]

Und wo genau?  
Und in Kleefeld, sagen Sie? Das ist aber kaum noch Hannover  
[Doch, doch, aber sehr wohl!]
Herr ***  [Spiekermann machte sich jetzt seinerseits einen Witz daraus, mich mit dem in Frage stehenden Namen anzusprechen] …
Wir lachten.

Das Gespräch perlte locker durch eine sich verlaufende Stunde, Erik hatte seine Arbeit umstandslos unterbrochen, von Zeit zu Zeit hatte er Fragen von Kolleginnen zu beantworten, da hätte das Gespräch leicht abbrechen können, tat es aber nicht. Immerhin habe ich selbst auch Bücher gemacht, da konnte man anknüpfen. Ein Blick in die Werkstatt, eine Handvoll Blicke auf die Produktionen, ein paar Stichwörter übernahmen die Aufgabe, das Mass professioneller Kenntnisse abzuschätzen; Vergleichsgrössen und historische Bezüge wurden benannt. Am Ende begleitete er mich nach draussen und wir fachsimpelten über sein Fahrrad und meines. Die Sprache, die Gesten, die Verweise, distanzlos, vertraut, als wäre man sich nach Jahrenden mal zufällig wiederbegegnet.

Nun, soviel Vergangenheit darf schon mal sein. 
Erik bespielt aber auch die Gegenwart!

Die jüngste Reihe „The Other Collection” präsentiert bisher 10 herausragende (englische) Buchtitel – darunter Elizabeth Kolbert „The Sixth Extinction”, Richard Sennet, „The Craftsman” oder Wolfram Eilenberger „Time of the Magicians” –  in sozusagen handgearbeiteter Schönheit und zu goldgedruckten Preisen: es sind Sammlerstücke und mit Pulitzer-, Booker- und anderen Awards beschüttet. Selbst die Katalog-Broschüre stelle ich mir ins Regal!

Mit der ich beschenkt wurde … UND noch einem kleinen Heftchen aus der hauseigenen Produktion – ich wusste kaum, wie mir geschieht, dem Himmel sei Dank habe ich Nehmerqualitäten! Eine Kleist-Broschüre (dt./en.!!): allerliebst, darin der Kleist-Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Sprechen”, in Fraktur (deutsch) und Monotype Walbaum (englisch); eine Übersetzung von John S. Taylor. Der inhaltlich so sehr auf mich zutrifft, dass bereits darin eine geradezu überfallartig-unerwartete Koinzidenz zum Ausdruck kommt. Aber! Was den Erik angeht, um das noch nachzutragen, auch von ihm gilt, was bereits bei Kleist zu lesen stand: „Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt.” Das kleine Format Kleist, und alles andere auch, das bei Spiekermann entsteht, formt und feiert Druck, Typographie und schliesslich das Buch, dass es eine wahre Freude ist.

 

Nächste Woche ist Erik unterwegs. Wir haben verabredet, uns danach wieder zu sehen – um die Sache mit der Gabi endgültig zu klären.