McKinsey will experimentieren

A New Narrative of Progress

Eine Standard-Abweichung

 

Ein long read (http://www.mckinsey.com/business-functions/strategy-and-corporate-finan…) aus dem aktuellen McK-Quarterly lohnt die Lektüre.

Data – The Global Growth Shift

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Neben einer Reihe von Nachrichten, die wir nicht anders von McK erwarten würden, sind diesem Text doch einige Implikationen eingewoben, die ich  – so – noch nicht gelesen habe (ich kann nicht ausschliessen, dass es auch in anderen Zusammenhängen von McK vergleichbare Nachrichten gegeben hat – allerdings bin ich nicht den lieben langen Tag damit beschäftigt, McK-Texte zu studieren …). Soweit ich sehe, ist der Text frei zugänglich, wenn man einen McK-Account angelegt hat, deswegen beschränke ich mich hier darauf, nur diejenigen Punkte hervorzuheben, die mich besonders beeindrucken.

Zusammenfassend lässt sich der Text in drei Botschaften zusammenfassen: globales Wachstum unterliegt einem strukturellen Wandel, die Disruptionen, die die Industrien erschüttern, beschleunigen sich und es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag. Diese drei Kernaussagen werden, zu Beginn des Textes in einer Art Management Summary, in jeweils drei Aspekte skizzenhaft herunter gebrochen, und dann der Reihe nach abgehandelt. Ich war versucht, den Text nach der Zusammenfassung zur Seite zu legen (20 Seiten … puhhh); es ist jedoch nicht so, dass die Autoren in der Zusammenfassung ihr Pulver bereits verschossen hätten, insofern bin ich froh, dass ich weitergelesen habe.

Es wird niemanden erstaunen, dass mich der Text besonders deswegen anspricht, weil ich darin vieles von meinem eigenen Denken wiedergefunden habe, zugleich aber auf eine neue, weitsichtige Art zusammengefasst und fortgeführt. Vor knapp 20 Jahren habe ich, ich neige zu einer gewissen Hybris, ein neues Zeitalter verkündet: die Data Industries, mit besonderer Betonung auf dem Plural, denn ich war überzeugt, dass die Digitalisierung, die damals vorerst nur die Musik- und die Medienindustrie erschütterte, sich rasch über die gesamte Branchenlandschaft verbreiten würde. Jetzt liefert McK den Beweis in einem Chart [rechts]:

Mit diesem Bild belegen die Autoren, dass ein fundamentaler Shift in dem stattfindet, was wir als Wachstumsfelder ansehen: „Global growth shifts“, und diagnostizieren, wie ich meine korrekt, dass damit die herkömmliche Sicht auf die Kräfte der Globalisierung ausgehebelt wird: „Beyond globalization“. Das ist schlüssig, denn Datenströme haben nur eine mittelbare geographische Konnotation und nationale oder ökonomisch abgegrenzte Räume sind für sie ohne Bedeutung.

Vor der Lektüre dieses Textes habe ich mich mit dem Wahlprogramm der Grünen (siehe tl;dr) befasst – und in einem Exkurs über Afrika gesprochen. Hier, bei McK, finden sich eine Reihe von komplementären Überlegungen – insbesondere der Wachstums-Positivismus hier stützt meine dort vorgetragenen Befürchtungen. 

Nun erwarten wir von McK nichts anderes; natürlich werden die Management-Strategen stets und überall die Kräfte des Wachstums sehen und fördern und diese mit intelligenten Sichten und Vorschlägen für die eigene Klientel aktivieren. Das besondere – wenn nicht sogar erschütternde – an diesem Text jedoch ist, dass er, wenn man zwischen den Zeilen zu lesen versteht, aus diesem Erwartungsstandard ausbricht. Zumindest in meiner Wahrnehmung erstmals lese ich, dass auch den Weltstrategen der Boden unter den Füssen weggleitet. Während es ihnen gelingt, in der durchaus kritischen Diskussion der ökologischen Folgen und der absehbaren Ressourcenverknappung, die aus den Wachstumskräften der (jetzt:) ICASA-Staaten (India-China-Africa-Southeast Asia) resultieren, noch einen positiven, dämpfenden Einfluss neuer technologischer Entwicklungen zu sehen, kommen ihnen doch beim Blick auf die Gesamtlage ein paar Sachverhalte unter, die sich nicht so leicht in das (McK-)Standard-Narrativ einhegen lassen.

  • „«Disruption» isn’t just one of the most overused words in management writing; it’s also one of the most imprecisely used. When we say industry disruption is accelerating, we mean that in many sectors, critical foundations of industry structure—the economic fundamentals, the power balance between buyers and sellers, the role of assets, the types of competitors, even the borders of industries—are rapidly shifting.“

Man möchte es beinahe als Pflichtübung ansehen, dass just im Anschluss daran die Autoren feststellen, dass sich damit auch Chancen verbinden. Die Tatsache, dass den Autoren „eigentlich“ der Popo auf Grundeis geht, erschliesst sich besonders aus den letzten Abschnitten, in denen es um einen neuen gesellschaftlichen Deal geht. Denn nachdem sie einräumen, dass das Abgleiten der Mittelklasse zu den markantesten Risiken der globalen Gesamtentwicklung gehört, bereiten sie ihre Leser darauf vor, dass wir in eine Phase „ökonomischer Experimente“ wechseln, wie zuletzt unter Roosevelt. Auch hier: die eigentliche Nachricht – „Wir wissen nicht mehr weiter.“ – wird zielgruppenverträglich ummantelt. 

***

Das Dilemma der Berater ist klar. Sie sehen, wie sich ein Tsunami vor der globalen Ökonomie aufzubauen beginnt, nein, bereits Momentum aufgebaut hat, aber sie sind dazu verdammt, dem Drama eine positive Seite abzugewinnen. Und sie schrecken davor zurück, die Konsequenzen zu buchstabieren, sowohl diejenigen für die Ökonomie wie auch diejenigen für die Beratung. Meine Meinung: solange Beratungen dem Wachstumsidiom anhängen, sind sie Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Die eigentliche Denkarbeit steht also noch an: wie kommen Wachstum, Ressourcenverknappung und Ökologie … im Wechselspiel mit der umsteuerbaren Dynamik von Kontinenten im Aufbruch – zusammen?

Immerhin: in diesem Aufsatz steht, dass auch die „weltbesten Strategen“ um diese Leerstelle wissen.