Wohnzimmer TV: „Was, um Gottes Willen, sind denn „Wohnzimmer der Gesellschaft”. Das sind soziale Orte des Gemeinsamen, wie diese taz-Kantine hier, wo die Verschiedenen sich treffen können, und sich ohne Zwang, und ohne Rollenzwang, … austauschen können.” So leitet Peter Unfried, Chefredakteuer von FuturZwei, dem Quarterly der taz, den Abend ein.
Wohnzimmer-TV
taz-FuturZwei
Die Idee ist gut
Wie lange wohnst'n Du in Berlin? 5 Minuten?
Ich verstehe das Konzept, habe selbst schon Vergleichbares veranstaltet: Abende mit Freunden, einem Essen und einem Thema. Keiner muss, aber jeder soll etwas sagen, ein leichter Gruppendruck, Rollenzwang hin oder her, gehört dazu. Unvergesslicher Höhepunkt in meinem Wohnzimmer: Jede/r soll eine Wahlrede halten, für eine Partei, die er oder sie nie wählen würde.
Tags drauf hatten sich die Nachbarn beschwert: Wir hätten so laut gelacht, so ginge das nicht. Doch, doch: zu laut gelacht; keine Musik!
Jetzt also in der taz-Kantine.
Das war gestern Abend, hier der Stream. Gegen den Veranstaltungsraum ist nichts zu sagen: die Technik funktioniert perfekt, genügend flach die Bühne, genügend Licht, guter Ton, die Online-Einspielung klappt, die drei Mikrophone, mit Strippe, aber komm! jetzt mal nicht pickelig werden, pfeifen keine lästige Rückkopplung. Der Blick hoch an die Decke zeigt flach montierte Riesenlettern: „LE MONDE diplomatique”, ein Kooperationspartner der taz.
Harald Welzer ist ein professioneller Moderator, der gut nachfragt, wenn es sein Gegenüber erlaubt.
Die Veranstaltung dann ist eine Nummernrevue: Monique wird vorgestellt, Frau Krebs, Jan Edler, Amelie Deuflhard, Rainer Prohaska, Amadeus Templeton. Für Soundtrack sorgen Leonard Disselhorst (Cello) und Cindy aus Marzahn (grosse Klappe) gibt ein Solo.
Der Witz, wenn man so sagen will, ist, dass die Protagonisten nix miteinander zu tun haben; sie repräsentieren vielmehr ein Spektrum „gesellschaftlicher Anstifter”, Menschen, die Kommunikation initiieren. Wollen. Und es hinkriegen! Und wie nun „nur” die Kommunikation der rote Faden ist, haben die „Verschiedenen” auch sehr verschiedene Auftritte, Mixed Pickles. Das ist dann natürlich auch Geschmacksache. Wobei, es ist natürlich auch ein Konzept!
Das ist jetzt die erste Hürde des Abends:
Es geht nicht um Kommunikation an sich, sondern um Anstiftung. „Wohnzimmer-TV” ist nicht Wohnzimmer, sondern, ja, Werbung, Propaganda, soll das Format verbreiten. Also vertreten die Gäste Beispiele – ihre je unterschiedliche Ausprägung des Formats – und werden dazu befragt, wie sie ihre Variation gestalten. Das ist mehr oder eher doch weniger interessant. Was … war interessant?
Monique. Sie ist 14; Schülersprecherin. Wie war ich mit 14? Soo bestimmt nicht. Monique redet über Projekte an ihrer Schule, wichtig ist ihr der Diskurs, Netzwerke, Freiräume, Demokratie, es gäbe aber auch autoritäre Lehrkräfte … Den Anstoss, so hatte Welzer sie kennengelernt, gab eine FuturZwei-Veranstaltung.
So etwas wie Lampenfieber, Wortfindungsprobleme oder suchende Ich-weiss-nicht-was-ich-sagen-soll-Blicke kennt Monique nicht. „Wenn jemand mit 14”, fasst Welzer das zusammen, „so reden, so denken und so auftreten kann, dann kann es um unser Bildungssystem doch nicht soo schlecht bestellt sein.” Es stünde nun zu befürchten, so Welzer dann, dass die nächsten Gäste es schwer haben würden, diesen Auftritt zu toppen. Da is was dran.
Frau Krebs gelang es aber doch. Nun: toppen ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber das Niveau halten, wenn auch ganz anders, das schon. Frau Krebs ist 94, wird online zugeschaltet und auf zwei Leinwänden (links, rechts) gezeigt (die Technik: perfekt). Sie hat einen Kopfhörer mit Bügelmicro, der die fülligen, schlohweissen Haare hinter ihre Ohren drückt. Auf ihren Augäpfeln liegen grosse, ich bin geneigt zu sagen: schwere Augenlider; doch von Müdigkeit oder etwa einer rauhen Altersstimme keine Spur! Frau Krebs würde am Radio für 50 durchgehen, so jedenfalls meine Einschätzung, eloquent, eine exakte Sprache ganz ohne Pufferwörter. Sie berichtet von einem „Gesprächskreis”, den sie vor 29 Jahren um sich geschart hat und der seither regelmässig, und bislang 182 Mal, zusammengefunden hat, um ernsthafte Themen zu besprechen. „Man soll sich schon anstrengen.” sagt Frau Krebs. Jeder Teilnehmer müsse mal einen Abend bestreiten. Man hat dann ein gemeinsames Essen, einen einstündigen Vortrag und eine einstündige Diskussion. „Alles sehr diszipliniert.” Die Nachfrage, ob dieser Kreis eine politische Streuwirkung entfalte, ging an Frau Krebs „irgendwie” vorbei: Es seien sehr unterschiedliche Menschen; sie könne nicht sagen, dass sich über die Jahre Freundschaften gebildet hätten, aber doch ein sehr vertrauter und, als es drauf ankam, sehr solidarischer Kreis (das habe sich beim Sterben ihres Mannes gezeigt).
Wenn das nicht politisch ist!
Wenn es um die Höhepunkte des Abends geht, will ich den Cellisten nicht unterschlagen, der mich … an Frank Wolff erinnerte. Wenn es um den Tiefpunkt des Abends geht, kann ich Cindy nicht verschweigen. Disclosure: ich geh ja zum Lachen meist in den Keller; besonders aber kommen mir Fluchtgedanken, wenn es im Publikum diese Erwartungslacher gibt, die schon zu gickern anfangen, wenn Cindy nur „Guten Abend!” sagt. Mich verschreckt die bollerig-berlinische Person, die das Publikum mit Fragen aus der Hüfte überfällt, „Hey, Wilmersdorfer („Wo kommst Du denn her!” – „Wie lange wohnst Du in Berlin? 5 Minuten?”), hast Du schon mal …” – und mehr noch verstört es mich, diesen Bütten-Sermon in einer taz-Veranstaltung präsentiert zu bekommen.
Zwischen Frau Krebs und Cindy traten dann noch die oben aufgezählten Personen auf die Bühne, wie gesagt: Geschmacksache. Da will ich nicht drauf eingehen: mein Interesse erreichte es nicht. Es gab jedoch eine Beobachtung, die ich gerne aufspiessen möchte:
Frau Deuflhard vertrat die Hamburger Kampnagel-Fabrik. Ihr oder ihrem Team, der Stadt, den Förderern, ist es offenbar gelungen, ein 100-Millionen-Budget für die Renovierung des Geländers freizuschlagen. Jo. Verpflichtet für diesen Job wurde ein Architekturbüro, das sich einen Namen machte, als es die Ausschreibung um die Neugestaltung eines städtischen Platzes zu gewinnen – war es in ¿Bologna?, ¿Barcelona?, irgendwas mit B glaube ich. Und zwar mit dem Vorschlag, den Platz so zu belassen, wie er ist und das für seine Neugestaltung eingeplante Geld auf den Erhalt über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu verwenden. So hätten auch alle über die Kampnagel gesprochen, Publikum, Künstler, Personal: es soll so bleiben, wie es ist. Zustimmendes Gemurmel im Saal.
Vorher (oder war es nachher) hatte Jan Edler gesprochen. Er berichtet von einer Berliner Initiative, die bestimmte Gewässer in der Stadt für das Freibaden eröffnen will. Welzer ist im Beirat des Vereins „Bad Berlin” (das kann man so oder so lesen); der Verein hat seit Jahrzehnten sehr zu kämpfen. Eigentlich sei es legal, in Gewässern zu schwimmen, es gäbe aber grosse Vorbehalte: die Wasserqualität und die Gesundheit, die Kosten und die Verwaltung. Welzer bemühte den Begriff des „Raumes der Öffentlichkeit” und wer dazu Zutritt habe. Edler berichtet, in der Widerstandsfront fänden sich auch so Traditionalisten, sogar hätten sich Vereine gebildet, die wollten, dass die Berliner Gewässer schlicht so bleiben, wie sie sind. Mockierendes Gemurmel im Saal.
Ja, zu Sponti-Zeiten, das war in Frankfurt vor Jahrzehnten, hab ich gelernt, dass „wir mit unseren Widersprüchen leben müssen.”
Der zweite Punkt, der mir von diesem Abend blieb, wiegt vielleicht eine Nuance schwerer: Da machen sie diese Veranstaltung, um die Kommunikation in der Gesellschaft zu befördern, doch weder kommt irgendein Thema auf – gut, im Moment gibt es vielleicht nicht so viele wichtige Themen, die man in einer taz-Veranstaltung besprechen könnte … – noch wird das Publikum gefragt oder ins Gespräch geholt. Gaaaanz am Ende macht Amadeus Templeton den Vorschlag, „spontan, das sei nicht abgesprochen, eine Stimme aus dem Publikum” auf die Bühne zu bitten, ob er das machen dürfe. Nun, wie hätte Welzer das ablehnen können, aber niemand meldet sich. Doch. Einer. Kaum sitzt der auf dem Sofa, mahnt ihn Templeton, sich bitte kurz zu fassen, weil, die Zeit …, Der Mensch sagt dann in gebrochenem Deutsch irgendwas mit „Frieden”, das wolle er in das Gespräch einbringen, während Templeton ihn zu moderieren versucht. Welzer übernimmt, ja, Frieden sei wichtig, besonders in diesen Zeiten – Abgang des Mutigen, Applaus –, dass „wir davon gar nicht gesprochen haben …”, naja, jetzt aber doch, das sei ja nun tatsächlich das Sahnehäubchen auf dem Abend.
Wie gesagt: die Idee ist gut.