Daniel Suarez plant eine Ökonomie im All

Politische Science Fiction

(weil: Hier wird das nix!)

 

Daniel Suarez ist ein politischer Autor. Grob zusammengefasst basiert seine Arbeit auf der Einsicht, dass die Bewohnbarkeit des Planeten nicht bloss gefährdet ist: er glaubt nicht mehr, dass wir das hinkriegen! Resignation, andererseits, ist seine Sache nicht; das wäre auch ganz unamerikanisch. Auch moralisieren und theoretisieren … alles Quatsch. Was es wirklich braucht, das sind praktikable Alternativen, hands on: wie geht das? Genau das beschreibt Suarez; er schreibt Science Fiction.

Chillen @ L1

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Das OFW

An der Universität zu Köln hat sich im ausgehenden Jahr 1985 ein studentischer Verein gegründet, keine „Verbindung“, kein politischer Splitter, sondern, ganz praktisch, ein „OrganisationsForum Wirtschaftskongress“ – inzwischen rebranded als World-Business-Dialog. Zu dem eigentlichen strategischen Ziel, nämlich die eigenen Karrierechancen zu verbessern, hatten sich alsbald 30 engagierte Studenten zusammengefunden – damals ging das noch ohne Gendergedöns, immerhin aber inkl. sechs Ausländern und fünf Frauen“; das war für die Verhältnisse damals durchaus „divers“. Gut ein Jahr später dann, im März 1987, hatte diese Truppe – graue Hosen, blaue Sakkos, weisse Hemden, die Streber mit, wenige ohne Kravatte – Ausserordentliches zuwege gebracht: Ein zweitägiger Kongress, 1.000 Teilnehmer, Manager und Studenten halbe-halbe. Es waren hoch- und höchstrangige, deutsche und internationale Referenten gekommen, mehrere Minister, Jesko von Putkamer von der NASA …, sogar ein Staatssekretär aus dem japanischen Wirtschaftsministeriums; wirklich eine crispe Veranstaltung – und ich war dabei. Der eigentliche Hammer, so jedenfalls hatte ich es damals empfunden, war das Thema: „Space as a Market“. 1985!

Um das in die Perspektive zu rücken: der Bau der ISS begann 1998. Das Thema war wirklich visionär, und doch ökonomisch durchaus bodenständig. Immerhin befanden sich bereits 1969 rund 1950 künstliche Objekte im Weltraum, vor allem Satelliten und Sonden. Zwischen 1966 und 1973 fanden insgesamt 17 Apollo-Missionen statt, sechs davon landeten auf dem Mond. In aktuelle Kurse umgerechnet hat das Programm rund 120 Mrd. $ verschlungen. Hinzu kamen vier Skylab-Missionen. In anderen Worten: der Kongress griff zwar beherzt nach der Zukunft, doch er stand mit allen zweitausend Füssen fest auf dem Boden der realen Möglichkeiten.

Politisch-ideologisch – und mit Ausnahme des überaus sympathischen Uwe Berg, einem der Vereinsgründer, auch persönlich – hatte ich (damals) mit diesen Karrieristen keine Schnittmenge. Ihre Initiative jedoch habe ich bewundert und von ihrer Leistung war ich begeistert.

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Was damals, 1985, Vision war, ist heute Realität. Fast 40 Jahre später sind die Aussichten, die damals die Fantasie beherrschten, förmlich explodiert und das Wettrennen um die besten Plätze ist in vollem Gange. Der „Markt“ hat sich bereits in Segmente differenziert:

  • Die Satellitenindustrie macht etwa 400 Mrd. $ Umsatz.
  • Bau und Erhalt und Versorgung der ISS haben bislang 200 bis 300 Mrd $ gekostet.
  • Eine Statista-Grafik weist aus, dass die sieben führenden Nationen (zusammen) rund 85 Mrd $ jährlich für Weltraumprogramme ausgeben.
  • Nach einer anderen Quelle, Space Capital, wurden seit „2014 rund 269 Milliarden US-Dollar in Weltraum-Startups investiert.“

Natürlich können wir all diese Zahlen nicht einfach addieren; es gibt kaum abschätzbare Überschneidungen. Eine andere Statista Grafik identifiziert für die weltweite Raumfahrtindustrie im Bereich „kommerzieller Dienstleistungen“ in 2016 ein Marktvolumen von rund 160 Mrd. $; für 2030 wird ein Anstieg auf ca. 563 Mrd. $ geschätzt.
Zum Vergleich: der Weltmarkt für Smartphones belief sich 2021 auf ca. 450 Mrd $.

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Now listen to Daniel Suarez! Alles peanuts!

Der Autor ist derzeit auf Marketing-Reise kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, um den zweiten von drei Bänden seines Sequels „Delta-V“ zu promoten. Suarez, ein ehemaliger Programmierer und Systemberater, veröffentlicht seit 2006. Bei all seinen SF-Themen liegt die Betonung auf Science, R&D, leading edge technologies. Was immer Du von ihm liest: Du kannst davon ausgehen, es ist akribisch recherchiert. Mit seiner Reputation und Fangemeinde hat er Zugang zu all jenen, die bis über beide Arme tief in der Materie stecken – und ihm bereitwillig Auskunft geben. Wenn also „Delta-V“ von der Rohstoffgewinnung im Weltraum handelt, so basiert das (natürlich mit Ausnahme der Erzählhandlung) auf Fakten, zumindest aber auf dem aktuellen Forschungsstand, und zwar gleichermassen bei den Grundlagen wie auch bei den Anwendungen.

In Delta-V sollen Rohstoffe aus dem Asteroiden „Ryugu“ gewonnen werden, einem  „Space-Krümel“, der sich (tatsächlich) alle vier Jahre so nahe an der Erde befindet, dass die Distanz mit bestehender Technologie in rund 28 Tagen überbrückt werden kann. Der Brocken hat einen Durchmesser von etwa einem Kilometer, wiegt derweil stattliche 450 Millionen Tonnen und besteht aus namhaften Mengen an Rohstoffen, unter anderen Titan und Nickel, Eisen und, besonders wichtig, Wasser – aus dem Treibstoff gewonnen werden kann.

Wir wissen das, weil „Japan's #Hayabusa2 space probe will return to Earth a capsule containing a sample from the asteroid Ryugu.“ Und in 2018 war das tatsächlich geglückt.

In Sachen Rohstoffgewinnung, praktisch, gibt es einen Haken: Wolltest Du auf Ryugu Bergbau betreiben, wie wir das von der Erde kennen – sprengen und abräumen – würden Dir die Brocken buchstäblich um die Ohren fliegen, und auch Bohren und Hämmern erzeugt im All hochgefährliche Flugobjekte. Wenn also der Autor dann schildert, WIE diese Rohstoffe abgebaut werden können, so sind auch diese Schilderungen Recherche-gestützt: Es gibt tatsächlich ein Firma, die, finanziert mit einem hübschen Batzen VC, solche Techniken entwickelt.

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Aber da wäre ich schon mitten im Geschehen. Um der Story den Weg zu den richtigen Rezeptoren zu bahnen, sollte ich ein paar Sätze zu Herrn Suarez voranschicken: Ich kenne seine sieben Bücher.

  • Daemon (deutsch: Daemon: die Welt ist nur ein Spiel. Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-25245-7).
  • Freedom™ (deutsch: Darknet. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-25244-0).
    Daemon und Freedom gehören zusammen: In naher Zukunft geht es "so" nicht mehr weiter. Durchaus denkbar, dass netzbasierte Algorithmen die Macht übernehmen und rücksichtslos Menschen opfern, um die Zivilisation zu retten.
     
  • Kill Decision (deutsch: Kill Decision. Rowohlt, Reinbek 2013, ISBN 978-3-499-25918-0).
    Autonome Drohnenschwärme bedrohen die Welt.
     
  • Influx (deutsch: Control. Rowohlt, Reinbek 2014, ISBN 978-3-499-26863-2).
    Sollte den wirklich alles umgesetzt werden, nur weil es „möglich ist“, nur weis es „irgend-so-ein Genie“ erfunden hat?
     
  • Change Agent (deutsch: Bios. Rowohlt, Reinbek 2017, ISBN 978-3-499-29133-3).
    Lässt sich (nach Crispr Das 9) Gen-Editing überhaupt noch verhindern?
     
  • Delta-v (deutsch: Delta-v. Rowohlt Polaris, Reinbek 2019, ISBN 978-3-499-00151-2).
  • Critical Mass. Dutton, New York 2023, ISBN 978-0-593-18363-2
    Delta-V und Critical Mass gehören zusammen: Aus/mit den Rohstoffen eines Asteroiden entsteht eine Space-economy.

Literarisch mäandert Suarez zwischen Action – deswegen nennt er seine Bücher „Thriller“ –, detaillierter Technik und breit gefächerten Interaktionen vergleichsweise simpler Charaktere, oft „gewürzt“ mit befremdlich ausgedachten und unnötig ausformulierten Gewaltexzessen, meist irgendwie militärisch oder paramilitärisch initiiert. Zuweilen scheint es, als habe Herr Suarez Spass daran, filigrane Tötungsmaschinen zu konzipieren. Im Umfeld dieser „Action“ ist  denn auch alles „taktisch“, von der Polizeieinheit über die Weste bis zum Taschenmesser, vom Gürtel über die Landkarte bis zur Stirnlampe (in letzter Zeit hat sich die Taktik etwas gelegt). Vermutlich greift Herr Suarez auf eigene militärische und auch „militärisch-institutionelle“ Erfahrungen zurück; jedenfalls zeichnet sich die Mehrheit seiner Charaktere durch übersichtliche geistige Fähigkeiten aus, die gerne immer wieder das Gleiche versuchen und dabei auf je andere Ergebnisse hoffen. Sein Schreibstil ist routiniert unengagiert; einen Nobelpreis strebt er nicht an! Den eigentlichen Reiz dieser Geschichten findet man an anderer Stelle.

Nämlich im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Das ist – bei einem SF-Autor – jetzt nicht soo überraschend. Andererseits findet man sehr selten ein soo explizites Weltbild mit einer wiederkehrenden, wenn auch im Verlauf sich abwandelnden Botschaft: Die Welt geht unter, wenn nicht früher, dann später, but it's a fact!  Das ist sein Thema, das will er transportieren, aber er will es nicht bloss beschreiben und beklagen. Ihm kommt es durchaus auf die Zukunft an. Wie genau sich diese Zukunft gestaltet, gestalten sollte, gestaltet werden sollte, ist nicht ganz eindeutig. Eindeutig dagegen ist die Wut und Verachtung des Autors, wenn es um die Fehlentwicklungen der Staatlichkeit heute geht, und dabei vor allem um all die an private Unternehmen outgesourcten hoheitlichen Leistungen und, als Resultat dieses Outsourcing, um das rücksichtslose, Menschen-verachtende Zusammenspiel von (privatem/Para-) Militär und Plutokratie; Politiker spielen irgendwo fernab ihre immergleichen Spielchen, aber sie spielen nicht wirklich eine Rolle.

Suarez' Blick auf die (US-)Gesellschaft und seine daraus abgeleitete globale Analyse verdienen eine gesonderte Diskussion. Vom ersten Buch an zieht sich eine resigniert Demokratie-kritische Haltung durch seine Stories, nicht etwa, weil er zu rechts-lastigen Gedanken tendiert: eher umgekehrt (so zumindest lese ich ihn). Seine Sorge ist, dass die Demokratie – erstarrt und verkrustet in Institutionen und einem selbstgenügsamen Parteiensystem – in ihren zähen (taktischen, hier wäre der Begriff mal passend) Entscheidungsprozessen den Herausforderungen des technischen Wandels nicht gewachsen ist, insbesondere nicht der Geschwindigkeit. Suarez, Jahrgang 64, ist kein Linker europäischer Provenienz, seine Analyse ist nicht sonderlich Theorie-belastet. Ich würde seine Haltung als vermischt (US-)links-libertär-demokratisch-marktorientiert zusammenfassen; vermutlich ist er ein „aufgeklärter“ Konvertit. Wenn ich ihn richtig interpretiere, so konzipiert er seine Mixed-Martial-Art Passagen volkspädagogisch als „U-Boote“, nämlich mit dem Ziel, dem unreflektierten Militarismus des (seines) breiten Publikums so etwas wie ein Rational und eine basisdemokratische Idee unterzujubeln. Wobei: das ist nur ein Aspekt. Ein anderer, mindestens ebenso gewichtiger und ernsthafter Aspekt seines (wie gesagt: nicht wirklich ausbuchstabierten) Gesellschaftsentwurfes ist der Einsicht geschuldet, das „alle“ gesellschaftlichen Institutionen eher früher als später von jenen Menschen korrumpiert werden, die sie „verwalten“. Deswegen skizziert er mehrfach die Entwicklung von Instanzen oder Institutionen, die sich diesem jeweils subjektiven Einfluss entziehen – so zum Beispiel als Ereignis-gesteuerte Algorithmen-Cluster oder, zuletzt, als DAO (siehe).

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Womit ich wieder bei seinem Delta-V-Sequel angekommen bin.

Alles peanuts – mit diesem dem Autor unterschobenen Diktum könnte man die aktuellen Perspektiven des Weltraums „als Markt“ zusammenfassen – nämlich im Vergleich zu dem, was kommen wird. Denn wenn man sich erst einmal daran machte, einen x-beliebigen Asteroiden auszubeuten, würde der Erfolgsfall mit ökonomischen Dimensionen belohnt, gegen die die Budgets und Aussichten der bestehenden Weltraumprogramme wie Diskussionen über die Portokasse erscheinen. Schon (oder auch) bei Tom Hillenbrand (siehe „Hologrammatica“, Köln 2018) hatten es die „Kieselkaiser“ – zuletzt „seine königliche Hoheit Charles Leopold Guillaume Félix, Großherzog von Pallas-Vestas, Herzog von Ceres, Graf von Makemake und Hamea, Edler von Oort“ – im Asteroidengürtel zu einem geradezu unvorstellbaren Reichtum gebracht – wogegen sich Musk oder Bezos wie Hartz-4-Aspiranten ausnehmen.

Wie aber kam es dazu ?

…wie würde es dazu kommen können? Das beschreibt Daniel Suarez in Delta-V. Und zwar braucht es Pioniere, bevor irgend-so-ein galaktisches Himmelreich entsteht, Menschen, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren. Delta-V, der erste von drei Teilen, beschreibt den Wettlauf zum Asteroiden Ryugu als Space Adventure. Im Auftrag eines Milliardärs – Milliardäre spielen in diesem Wettlauf eine entscheidende Rolle, weil sie über die nötigen Mittel verfügen und sich zugleich über alle Checks&Balances, Bürokratien und Intrigen hinwegsetzen können – startet das Raumschiff „Konstantin“ mit einer gemischten acht-köpfigen Besatzung in klandestiner Mission zum Ryugu. Die Geheimhaltung ist so nötig wie gefährlich, nur im Geheimen kann der Start überhaupt stattfinden, aber – in dieser Geheimhaltung ist die Besatzung auf Wohl und Wehe den nur wenigen Mitwissern in der Mission-Control auf der Erde ausgeliefert.

Der Asteroid Ryugu kreist in einem Orbit um die Sonne und ist, in astronomischen Dimensionen, ganz gut erreichbar: in der zur Erde günstigsten Konjunktion braucht es nur einen Monat, um ihn zu erreichen (zum Mars, z.B:, würde es mindestens fünf Monate dauern). Das klingt einfacher als es ist: die Destination hat die Lufthansa noch nicht in ihrem Flugplan!

Will ein Raumfahrzeug den Asteroiden von der Erde aus erreichen, so muss eine solche Reise drei Phasen durchlaufen: das Spaceship muss zunächst in einen erdnahen Orbit aufsteigen. Der Vorgang verschlingt wahrhaft astronomische Gelder: Man rechnet je nach „Anbieter“ von $ 2.500 (SpaceX) bis zu $ 25.000 (Nasa) für jedes Kilo, dass von der Erde aus in den Orbit bewegt werden soll. Um dann aber weiter zum Ryugu zu fliegen, ist es damit nicht getan, denn jetzt muss die Transportmasse aus dem Orbit heraus neuerlich beschleunigt – das besagte delta-v – und vor der Ankunft auch wieder abgebremst werden. Das kostet Energie, die, solange im lower-earth-orbit noch keine Tankstellen auf Kundschaft warten, ebenfalls transportiert werden muss.

In der zweiten Phase muss das Fahrzeug das gewisse Tempo erreichen: ein delta-v („delta-v is the velocity adjustment needed to transfer a spacecraft from low-Earth orbit to connect with the asteroid (Shoemaker & Helin 1978)“ von 4,646 km/sek ist gefordert, wobei, soweit ich das hoffentlich richtig verstanden habe, in das delta-v sowohl die einzusetzende Energie wie auch die Trajektorie – also der „Pfad“ durch den Weltraum – einbezogen werden müssen. Denn: Relativ zu anderen sind im All alle Destinationen in Bewegung. Um also ein Ziel zu erreichen, geht es stets darum, zu einem gegebenen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu sein. Sonst gähnt dort der leere Raum.

In der dritten Phase schliesslich muss dass Fahrzeug insoweit abbremsen, dass es nicht an seinem Ziel vorbei fliegt; genauer gesagt besteht die „Ankunft“ darin, dass sich das Raumschiff exakt, nennen wir es: „parallel zum Ziel“ bewegt.

Eine Reise zum Ryugu (in der Realität war bisher nur eine unbefraute Sonde vor Ort, s.o.) würde dem touristischen Personal eine Reihe von Zumutungen auferlegen, darunter die Ernährung, die Hygiene, die Strahlung und etwaige technische Probleme, die im DIY-Verfahren unterwegs gelöst werden müssten. Das ist reichlich misslich, günstiger wird es davon aber nicht. Eine weitere Nebenbedingung der Reise ist, dass, wenn es gut geht, sie vier Jahre dauert. Denn solange benötigt der Asteroid, um einmal rund um die Sonne zu fliegen, um wieder dort vorbei zu kommen, von wo es nur jene 28 Tage biszurück  zur Erde braucht. Natürlich käme man auch nach Hause, wenn man von irgendeinem anderen Punkt der Ryugu-Umlaufbahn startet; das braucht dann aber elend viel Zeit, SEHR viel Treibstoff, Ernährung, Unter- und Lebenserhaltung – über die (man hätte sie ja mitbringen müssen: siehe Kosten) man dort oben nicht verfügst.

In diesem Stil könnte ich jetzt eine gute Weile referieren, denn der Autor lässt uns über keinen einzelnen Sachverhalt im Unklaren. Man lernt viel, mitunter mehr, als man sich merken kann.

Immerhin haben wir jetzt die Rahmendaten beieinander: vier Jahre, weit weg, viele Entbehrungen, viele Probleme. Die Besatzung der „Konstantin“ ist (wie auch anders!) eine verwegene Mischung von Charakteren, Höhlentaucher, Bergsteiger, Hacker, Ingenieure … , sehr unterschiedliche, nicht redundante Qualifikationen. Kann das gut gehen – oder wie schief geht das? Ich raffe das mal zusammen (denn sonst hast Du ja keinen Spass mehr beim Lesen): Es ist sauspannend. Nicht allein, wie die Truppe ins All und dann zum Ryugu kommt, was sie dort erlebt und was die „Freunde und Partner“ auf Erden in den vier Jahren mit ihnen, für sie und gegen sie veranstalten – spannend ist auch, ob und (na klar, sonst macht die Sache ja keinen Sinn) wie die Rückkehr zur Erde gelingt.

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Im zweiten Buch der Serie „Critical Mass“ (auf deutsch erst im November) vergeht Zeit, wieder vier Jahre, logisch, in denen es auf Erden drunter und drüber ging. Denn „nur mal so“ zum Ryugu zu fliegen, darum ging es auch im ersten Teil nicht. Es ging um Rohstoffe, Bergbau, Rücktransport, Macht, Intrigen, Geld ... – aber/und zwar, was die Rohstoffe angeht, das lernen wir jetzt, NICHT zum Zwecke der Verwertung auf Erden, SONDERN zum Aufbau einer interstellaren Infrastruktur! Jetzt nämlich kommen jene Fragen ins Spiel, die schon 1987 beim OFW in Köln in den Sternen standen: Wie baut man eine kosmische Ökonomie?! Dass es teuer wird, die vielen, vielen Kilogramms von der Erde ins All zu schiessen – ist klar. Ein Kilo Titan, z.B., kostet auf Erden 110 Euro; es ins All zu befördern, kostet aber zusätzliche 2.500 Dollar, mindestens! Und so ist das auch der Verrechnungskurs, der hier greift – und zwar für alles! Folglich, das verstehen wir jetzt, sollten die vielen, vielen Tonnen Rohstoffe vom Ryugu besser gleich im All bleiben! Dann nämlich, wenn man sie dort, an einem der Lagrange-Punkte verarbeitet – um Raumstationen und/oder weitere Schiffe zu bauen, die dann wieder zum Ryugu fliegen usw. ... –, dann erst entstehen die Skaleneffekte, mit denen aus den Pioniertaten ökonomische Grundlagen werden. 

In „Critical Mass” begegnen wir dem bereits bekannten Personal. Am Ende des ersten Buches hatte es sich als unvermeidlich erwiesen, dass zwei Astronauten beim Ryugu verbleiben, um von dort – und mit den nur dort verfügbaren Computern und Instrumenten – den Rückflug der anderen zu steuern und (bei höchstwahrscheinlichen Abweichungen) insbesondere „nachzusteuern”, damit jene nicht etwa an der Erde vorbeifliegen würden. Diese verbliebenen zwei Astronauten, Freunde inzwischen, sogar Familie irgendwie, aber doch zu retten, das ist der „dramatical need” dieses zweiten Bandes. Doch bleibt es dabei nicht: von der ersten Mission waren als Ergebnis der vier Jahre, in denen das Team auf dem Ryugu Bergbau betrieb, mehrere tausend Tonnen wertvolle Rohstoffe – und vor allem Wasser: Treibstoff – zur Erde hin „exportiert” und in einem (geheimen) Mond-Orbit „geparkt” worden. Diese mit Robotern abgebauten Rohstoffe (die zwei verbliebenen Astronauten verschickten in den vier Jahren weitere und immer grössere Mengen) sind nun zu einem (von vielen dunklen Kräften begehrten) Investitionskapital einer künftigen interstellaren Ökonomie geworden.

So verbinden sich zwei Erzählstränge in „Critical Mass” – die Rettung der Freunde und - ja, eine Art state building, man kann es so nennen. Es versteht sich von selbst, dass, damit die Pläne gelingen, gewaltige Hürden überwunden und Probleme gelöst werden müssen. Vor allem die Grossmächte des Heimatplaneten wollen dem Geschehen nicht nur interessiert zuschauen: mächtige und gefährliche Interessen mischen sich ein – und zwischen Erfolg und Scheitern passt kein Blatt.

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Ich glaube, es ist angemessen, diesen zweiten Band als vor allem als politisch und astro-pädagogisch zu bewerten: er schafft nicht die gleiche (Action-geladene) Spannung wie Delta-V. Für mich ist das (auch in den länglichen Passagen) kein Nachteil, aber er bedient die mit Delta-V aufgebaute Erwartung nur zum Teil. Tatsächlich liest sich „Critical Mass” eher als „How to”-Buch: wenn vielleicht nicht alles, so ist aber doch fast alles so ausrecherchiert (und berichtet), dass das Buch wie eine Handlungsanleitung für kommende Weltraumunternehmungen erscheint, eine Blaupause. Etwa in dem Sinn: Jeff Bezos, Elon Musk, Richard Branson: seht her, so könnte es gehen.

„If Jeff Bezos needs a blueprint for building a space station beyond the moon with ore from an asteroid, he just might want to start with “Critical Mass,” a newly published sci-fi novel by Daniel Suarez." So heisst es auf cosmiclog.com.

Darin findet sich denn auch mein Motiv, davon zu berichten. Daniel Suarez und, das lässt sich den Reaktionen auf seine Arbeit entnehmen, eine grosse, geldschwere Community (insbesondere im Valley) gehen ernsthaft und schnörkellos davon aus, dass die Erde unbewohnbar wird. Sie glauben nicht, dass die bestehenden politischen Strukturen das verhindern können, zumindest rechnen sie mit einer Periode gesellschaftlicher und leidvoller, auch gewalttätiger, Verwerfungen. Für diese Community – nicht wenige agieren in der Zwischenzeit planvoll als Prepper – liefert Suarez das Handbuch. Das ist durch und durch amerikanisches Denken: Jammern nützt nichts, wir müssen etwas tun.

Ich denke ähnlich – und doch auch sehr anders. Suarez setzt darauf, dass eine „transparente” und von menschlichen Interessen freigestellte Organisationsform (eine DAO, Blockchain-basiert s.o.) wesentliche Probleme überwindet, die „auf Erden” schier unauflösbar erscheinen. Es spricht einiges für einen solchen, sozusagen technokratischen Ansatz, nur ein Problem löst er nicht: der Mensch als solcher bleibt der ewige troublemaker. Der im All geforderte Pioniergeist wird sich nicht, kann sich nicht mit feinsinnigen kulturellen, politischen, moralischen, ethischen etc. Abwägungen aufhalten! Das tägliche Überleben hängt ab von schnellen und harschen Entscheidungen. In seinen früheren Büchern schildert Suarez ausführlich das rechte, militaristische, sadistische und rücksichtslose MindSet seiner US-amerikanischen Gesellschaft. Ich vermute und konzidiere gern, dass seine Haltung dem grundsätzlich und entscheiden widerspricht – und doch kann ich in „Delta-V” und „Critical Mass” nicht den Hauch eines Ansatzes erkennen, dieses MindSet zu überwinden. Oder, in anderen Worten: Suarez transskribiert und übersiedelt die Verfassung der US-Gesellschaft – bitte sehr: er meint die „wahre, die ursprüngliche” – ins All.

Ein anderer Aspekt bleibt dramatisch unbeleuchtet. Einmal unterstellt, die Migration ins All würde grundsätzlich möglich werden, in ähnlichen Konstellationen, wie bei Suarez geschildert: Für wie viele Menschen wäre das ein Ausweg? Seien wir grosszügig: 100.000? 1.000.000? Lass es 10.000.000 sein, die in vielleicht zwanzig Jahren im All leben (ich glaube das nicht !!, aber for the sake of the argument …). Der kritische Punkt ist: es vergeht Zeit! Selbst mit einer sozusagen chinesischen Radikalität benötigt der Aufbau der geforderten Infrastruktur Jahrzehnte. Plus: auch diese … 10.000.000 müssten irgendwie ins All kommen. Ohne ÖPNV, ohne Autobahnen und eMobile. Doch in eben diesen Jahren droht der Kollaps des Planeten!
Was Suarez beschreibt ist (wäre?) eine Option „only for the happy few”; der Rest der Menschheit wird (würde) zurückbleiben. Ich erinnere mich noch an die grässlichen Bilder vom letzten Hubschrauber raus aus Saigon oder vom letzten Flieger aus Kabul.

So what!

Es ist die Ernsthaftigkeit, Entschiedenheit die mich beeindruckt; seine Detailgenauigkeit, fast könnte man sagen: Besessenheit, belegt, dass Suarez nicht mehr nur Geschichten erzählt, sondern einer Mission folgt; das kann man auch in einem interessanten PodCast nachlesen/-hören). Ich teile seine Analyse. Ich folge ihm auch insoweit, dass es mit dem Kulturgeschwätz westlicher Provenienz nicht getan ist. Ich kann aber nicht mehr folgen, wenn ein Modell, wie unschuldig, gutmenschlich und gar idealistisch es sich geben mag, letztlich ignoriert, dass es unterschwellig einem brutalen Sozial-Darwinismus das Wort redet.

Und natürlich wird dieses Dilemma auf dem Zeitstrahl stetig grösser, solange in Gefahr und grosser Not kein rettendes Modell heranwächst.