„Shogun“, ein Breitwand-Roman von James Clavell, war bereits 1980 in Serie im TV. Ich erinnere Bilder: der vergammelte Fasan, die vierkantigen Minikopfkissen (wie wohl man die sich „teilen” könnte?), Richard Chamberlain im Kimono und das maskenhafte Gesicht Yoko Shimadas; dazu die (unverstandenen) bellend, kehlige Sprache, die den Japanern zur Verständigung dient (dito nur schwer vorstellbar) … Erinnerungsinseln, halb verschüttet. Aufgetaucht, als ich kürzlich über das Hörbuch stolperte, gut gelesen von Julian Mehne, der offenbar auch japanisch spricht.
Dem Samurai sein Schwert im Bauch
Vorsicht vor Form und Inhalt
Verantwortung, Loyalität, Verrat, Tod
Was Werte Wollen
Disclosure: Ich kenne Japan … kaum, die Geschichte schon gar nicht. Was Clavell erzählt, hat er vermutlich recherchiert, aber auch literarisch aufgehübscht, stilisiert und zugespitzt – anders wäre kaum der Weltbestseller dabei heraus gekommen, der über 20 Millionen Mal verkauft wurde und nun schon zweimal in Serien verfilmt wurde. Ich habe, gleichsam als Gegengift, „Bushido – The Cruel Code Of The Samurai” aus 1963 gesehen, ein preisgekrönter Schwarzweiss-Film von Tadashi Imai, der von dem Hochglanz-Heldentum und Ehrengeschwurbel Clavells nichts übrig lässt. Mir kam es darauf an, dass Clavell einen Denkanstoss gab und Sequenzen seiner Erzählung Anlass waren, unser heutiges westliches Werteverständnis zu reflektieren.
0.
Sobald und insofern ich die einschlägige Fantasy-Schmonzes-&Müll-Literatur ausschliessen kann, werde ich ja schon schwach, wenn ein Hörbuch 13 oder 15 oder gar 20 Stunden anbietet, bei 50 Stunden dagegen denke ich kaum noch nach. Ich würde keine hochgeistige Feinschmeckerliteratur erwarten, aber dass es sich bei Shogun1 um solides Erzählhandwerk handeln würde, sowas für lange Autofahrten, stützte die Entscheidung. Ich wurde nicht enttäuscht. Oder doch, wenn man das Wort wörtlich nimmt: ich wurde ent-täuscht, denn ich bekam mehr, als ich erwartet hatte.
Diese „Surplus-Lieferung“ ist auf der Metaebene angesiedelt, der gesellschaftlichen Reflexion. Shogun behauptet/erfindet/referiert ein Wertesystem, das dem europäischen völlig fremd ist, aus einer anderen Epoche sowieso, das jedoch in seiner Fremdheit ein paar Denkansätze vorschlägt, die uns auch heute nicht schaden. Das könnte jetzt in die falsche Schublade geraten, die Denkansätze sind nicht ohne Schadpotential; ich mache also vorsorglich darauf aufmerksam, dass mein Versuch das vielleicht Brauchbare umkreist; mir liegt es fern, das Verwerfliche zu promoten.
I.
Da ist einerseits der Begriff der Verantwortung, ein Leichtgewicht.
„Ich übernehme die volle Verantwortung!” – und dann … passiert nix. Vielleicht eine Delle in der Reputation, da wächst Gras drüber. Überhaupt: Schuld waren doch „die Verhältnisse”, TINA.
Shogun erzählt von einem Japan um 1600, in dem es eigentlich nur Fürsten und Unterfürsten gab, selten einen nachrangigen Amtsträger und ganz viele Samurai; gelegentlich ist von Bauern die Rede, als Handelnde kommen sie nicht vor. In dieser Kopf- und Kriegs-lastigen Gesellschaft gilt eine überzogene, rücksichtslose Verantwortung, indem das Handeln, und mehr noch das Ergebnis, vollständig ohne Nebenbedingungen auskommen muss. Wenn ein Samurai seinen Auftrag nicht erfüllt, sind die Umstände vollkommen unerheblich; die „Schuld” wohnt in der Nichterfüllung allein.
Das braucht ein Beispiel: Soll das Schiff nach Nagasaki, wird aber vom Taifun auf die Klippen geworfen, so ist der Samurai des Todes, wenn er den Schiffsuntergang überlebt. Denn: mit der „Schande“ kann er nicht weiterleben und bittet den Auftraggeber, Seppuku begehen zu dürfen. Die Story ist voll von solchen Beispielen, und mir wiederum kommt es nicht darauf an, ob das historisch bis ins Komma korrekt ist. So ähnlich war’s schon.
In einer westlichen Bewertung werden wir immer die Umstände berücksichtigen und die Verantwortung darauf abprüfen, welcher „Eigenanteil“ einem „Versagen” zuzurechnen ist.
Dennoch versuche ich, dem Verantwortungsbegriff der Samurai etwas abzugewinnen – wenn auch eher im Sinne eines Korrektivs. Eine westliche Verantwortung ist von Verständnis gesättigt, vor der Schuld muss dem Menschen Gerechtigkeit widerfahren. Die Downside aber ist, dass dieses Verständnis längst eingefordert wird, „berechnet”, in der Folge sogar herbeigelogen und schliesslich gegen das Verstehen selbst instrumentalisiert wird: der Täter stilisiert sich zum Opfer. Es muss nicht zu diesem Extrem kommen, weit im Vorfeld ist jegliche Verantwortung evaporiert. Wenn ich – nur angedeutet – an das Abschliessen von Regierungsverträgen denke (Andi Scheuer), oder an Beispiele der Maskenbeschaffung (Jens Spahn), oder an die Erdgas-Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft (Merkel/Schwesig), so fällt es mir schwer, überhaupt irgendeine Verantwortungsübernahme festzustellen. Ich beklage das mit Vorsicht: Als Merkel und Steinbrück (wir erinnern uns: 2008) die Spareinlagen für sicher erklärten, hätte es auch schiefgehen können; und dann? Kämen dann Merkel und Steinbrück in den Schuldturm?
Sollen Politikern das Land regieren, nach bestem Wissen und Gewissen, so treffen sie Entscheidungen mit ungewissem Ausgang. Wollte die Gesellschaft ihnen die Verantwortung für die Folgen ihres Tuns ohne Einschränkung aufbürden, so gäbe es bald keine Politiker mehr. Es ist aber Schluss mit Vorsicht, wenn jenes Handeln Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit missachtet und/oder sich in der Entscheidung von (womöglich noch zahlendem) Partikularinteresse leiten lässt – sagen wir: bei der Energiewende und der Gasversorgung.
Und bevor ich die Diagnose allzu populistisch auf „den Politikern“ ablade, die Schuldfrage kommt auf, wo Verantwortung bestritten wird. „Ich stand im Stau.” „Wer war das?!” „Ich hatte grün!” Das Thema Versicherung(-sbetrug) strotzt nur so vor Verantwortungsverweigerung. Kaum jemals übernimmt jemand Verantwortung, und dann als Karikatur: „Meine Schuld, meine Schuld!”; wir hören ein Lippenbekenntnis ohne jede materielle Folge. Man muss nicht einmal den Johann Tetzel2 bezahlen!
Eine Verantwortung a la Samurai zu fordern (ob sie nun historisch korrekt dargestellt ist, sei dahin gestellt) wäre natürlich absurd.
II.
Da ist zweitens eine Reflexion über unser Verhältnis zum Tode – und was es in die Gesellschaft einträgt.
Von dem allgegenwärtigen Seppuku war schon die Rede, ein ritueller Selbstmord. Schon die Vorstellung erzeugt Grusel: Die Schande ruft nach der Ehre und der Kandidat versucht, sich totzustechen; je mehr Stiche ihm gelingen, desto grösser der Ruhm. Dem Kandidaten steht ein Sekundant zur Seite, dessen Aufgabe es ist, dem Kandidaten – auf dessen Verlangen – mit einem Hieb den Kopf abzuschlagen, um ihn von den Schmerzen zu befreien. Seppuku ist – mit einem Hang zum inflationären Gebrauch – die probate Reaktion, wo immer sich ein Quäntchen „Schande“ eingeschlichen hat oder jemand irgendeinen Krümel mit seiner Ehre nicht vereinbaren kann. Einschränkend gilt, dass der „Gebieter” es erlauben muss – und das durchaus nicht immer tut, etwa, wenn ihm der Kandidat als opportunes Werkzeug erscheint, selbst noch den einen oder anderen (Feindes-)Kopf abzuschlagen.
Wieder brauchen wir das Beispiel: Der Roman erzählt von einer Sequenz, in der Mariko in einer Sänfte zum Hafen getragen wird, begleitet und geschützt von einer starken Entourage. 20 Samurai vorneweg, eine Hundertschaft in Marschordnung hinterdrein. Schon am ersten Kontrollpunkt (von ungefähr acht) wird der Durchgang verweigert, woraufhin sich die 20 Samurai mit (exakt!) 20 Gegnern solange beharken, bis alle (mit Ausnahme des Letzten) einen Kopf kürzer sind. Sogleich springen von beiden Seiten 20 weitere Samurai in die entstandenen Lücken und das Gemetzel – Mann gegen Mann, streng nach den Regeln – nimmt seinen Lauf. (Erst) nachdem sich auch diese aufgerieben haben, folgen ohne Murren und Zucken 20 weitere von beiden Seiten. Und alle, so erfahren wir, bestehen auf ihrem „ehrenhaften Tod“, solange keine Befehlsgewalt dem Einhalt gebietet. Zum Höhepunkt kommt die Szene – nachdem Mariko, sie hat die Befehlsgewalt, selbst sich dem Schwertkampf bis zur Erschöpfung gestellt hat – mit dem Eingeständnis, dass all die Toten völlig sinnlos gestorben sind (weil der Weg weiter und immer weiter verweigert wird), der Feind sie aber (vorsätzlich) nicht töte und sie nun mit der Schande (dem Ruf ihres Gebieters nicht gefolgt zu sein) nicht leben könne und bei Sonnenuntergang Seppuku begehen werde.
So und ähnlich sterben Hunderte, wenn nicht Tausende, und man fragt sich, wie die japanische Gesellschaft stets genügend „Material“ nachzuliefern verstand.
Uns befremdet das zutiefst! Zur Unterfütterung und Stabilisierung dieser Selbst-Losigkeit hat sich die japanische Philosophie in der buddhistischen Wiedergeburt eingerichtet.3 Da ist das Leben, dann „die grosse Leere“ und dann Wiedergeburt. Und solange keine Statistik dazwischen funkt, könnte man sich auf die Zuspitzung verlegen: Wird ein Samurai abgeschlachtet, wird ein Samurai wiedergeboren; alles im Lot.4 Naja … damit diese Konstruktion funktioniert, und falls das nicht ohnehin und dankenswerterweise der Feind übernimmt, braucht es wenigstens eine Prise Zen und dann „nur“ diesen einen Moment der vollständigen inneren Entleerung und Konzentration auf die regelhafte Durchführung beim Seppuku. Im Übrigen sind Leben und Tod gleich gültig.
Es wäre naheliegend, auch hier mit der Verantwortung zu operieren, oder eine Epistel „Moral“ dazwischenzuschieben. Der Punkt, den ich machen will, ist ein anderer: Diese (japanische) Gesellschaft unterscheidet (unterschied) nicht zwischen Leben und Tod. Das wird wortreich dargelegt: Leben, Tod, Wiedergeburt, ist alles eins! Neben dem Zen-Buddhismus liefert einen soliden Beitrag zu dieser „Philosophie” die Tatsache, dass im Japanischen das „ICH” traditionell stark zurückgenommen ist; eher werden Derivate bemüht, von der Sorte: „Meine nichtswürdige Wenigkeit …”. Der „Sinn dieses Lebens” konzentriert sich vollständig im Willen (oder den Launen) des Herrschers (oder Lehnsherrn oder „Vorgesetzten“). Genauer noch (denn es gibt auch kleineres Leben unterhalb der höheren Instanz), dieser herrschende Wille überschreibt im Moment seiner Manifestation alle nachgeordneten Lebenszwecke. Das kaskadiert bis zum (Gottes-)Kaiser. Ich lebe „mein” Leben, bis mein Gebieter anderes gebietet. Der aber lebt sein Leben auch nur solange … und bis zuletzt der Kaiser über alle unter ihm gebietet.
Natürlich ist es bei uns genau umgekehrt: Es gibt überhaupt keinen anderen Sinn ausser: ICH.
III.
Immer wieder wird im Roman die „Loyalität” thematisiert, sie geht bis zur Selbstverleugnung. Obwohl Mariko, die weibliche Hauptfigur, unglücklich verheiratet!, John Blackthorne bis zur Selbstaufgabe liebt, gilt ihre Loyalität als Samurai (auch Frauen sind Samurai, können es sein und werden) ihrem „Herrn und Gebieter“ Toranaga. Dem Vollzug seiner taktischen Manöver opfert sie schliesslich ihr Leben. Drittens aber ist Mariko AUCH als in Rom ausgebildete Konvertitin katholisch und dem christlichen Gott und der Kirche verpflichtet.
Was Gemengelage!
Tochter eines in Ungnade gefallenen Generals, Ehebrecherin (deren Ehemann ihr über Jahre den Tod verweigert!), hoch-, wenn nicht höchstrangige Samurai und Vertraute des Fürsten, von portugiesischen Jesuiten designierte Äbtissin.
In einem Moment, als die Jesuiten Blackthornes Leben bedrohen (weil er, sozusagen, ihre Kreise stört), opfert sie durch gezielten Verrat dessen Schiff („ohne mein Schiff bin ich nichts, bin ich verloren“) im Tausch für sein Leben und zeigt damit, in welchem Multi-Bind sie ihre Loyalitäten abwägt. Mariko dient ihrem Gebieter, der Kirche und der Liebe. Es wird aber kein Parallelogramm aus den Kräften: sie selbst findet darin nicht statt … nein … es ist eine Spur anders: carpe diem! Denn sie lebt als kluge Ratgeberin für ihren Herrn, sie lebt als Geliebte für den Tag und den Augenblick, sie lebt als gläubige Tochter der Kirche. Sie balanciert die dreifache Loyalität mit einem Verrat und mit ihrem Leben. Im Buch wird der Mut – mit dem sie dem feindlichen Fürsten die Stirn bietet – und ihre ehrenhafte Haltung im Kampf bis über die Buchdeckel gepriesen, sie bekommt ein Staatsbegräbnis.
„Für Verrat gibt es keine Rechtfertigung”, so – oder so ähnlich – zitiert Toranaga den Bushido, den Ehrenkodex der Samurai.5 „Doch,” Blackthorne widerspricht: „wenn man gewinnt.” Die Rollen sind klar verteilt: Der Japaner findet den Verrat todeswürdig, der Engländer (des Jahres 1600) blickt über den Tellerrand: Recht hat, wer überlebt. Rückblickend, in seiner Erinnerung, stimmt ihm Toranaga sogar zu (in dieser „Erinnerung“ zeigt Clavell die Ambivalenz des japanischen Codex, in dem die private Realpolitik – „honne“, die wahre Gesinnung – gleichsam unter der Ehrenideologie liegt – „tatemae“, die öffentliche Fassade).
Die Frage aber, ob der Mörder Recht hat – weil er überlebt – ist (con variationae) so alt wie die Menschheit. Platon lässt Thrasymachos darüber diskutieren „Ich behaupte nämlich, das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren Nützliche.“6; und bei Thukydides heisst es: „die Starken tun, was sie können, die Schwachen erleiden, was sie müssen“7; bis hin zu Macciavelli „und bei den Handlungen aller Menschen, hauptsächlich aber der Fürsten, […] wird auf's Ende gesehen.“8; so sah es auch Angela Merkel. Als Verantwortungserrosion gibt es diese Vorstellung in der Formel „to get away with it“ immer noch. De facto muss man also, wenn es um Loyalität und Verantwortung geht, vom Ende her schauen, nicht, weil das Ende die Haltung legitimiert (de facto: auch – nur geht die „Legitimation” im Zweifel dann mit Schuld einher), sondern weil erst das Ende über die Haltung eine belastbare Auskunft gibt.
IV.
Bevor wir uns ganz im europäischen Klein-Klein konkurrierender Moralen verlieren sollten wir uns noch mit einem Seitenblick darüber aufklären, ob dieses „olle Zeuch“ – abgesehen von dem Unterhaltungswert als Buch und Serie und neuerdings als Remake bei Disney – eigentlich noch irgendwie die japanische Gesellschaft bestimmt. Überraschung: Sehr wohl! Wer alt genug ist, denkt vielleicht an Yukio Mishima9, zunächst ein begnadeter und auch weltbekannter Dichter (sehr erfolgreich und mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen), Regisseur und Schauspieler. Dessen Versuch, Geschichte zu schreiben, misslang zwischen tragisch und jämmerlich: mit einer von ihm 1968 gegründeten „Shield Society“, Tatenokai10 versuchte er 1970 einen Militärputsch einzuleiten. Mit einem wüsten Gemisch aus rechtsradikalen und Kaisertreuen Proklamationen wollte er eine Division Soldaten davon überzeugen, dass Japan zurückkehren müsse zu Wehrhaftigkeit (Wiederbewaffnung) und den alten Traditionen. Er wurde ausgelacht und beging Seppuku.11 Leider war der Sekundant ungeübt und versagte drei Mal.12 Obwohl an Shakespear’scher Dramatik kaum zu überbieten, hätte der Vorgang keine Maus vom Käse gelockt, wäre Herr Mishima nur ein verlaufener Spinner. Er und sein Putschversuch gelten noch heute als Vorläufer und frühe Symbolfigur des japanischen Rechtsextremismus/Nationalismus der Nachkriegszeit.
Wie gesagt: die Episode verläpperte sich unter Hohn und Spott des Publikums. Was hingegen fortdauert und wächst sind die rechten und rechts-extremen Traditionen, die soeben in Person Sanae Takaichi, der 2025 gewählten Ministerpräsidentin13, die seit den Parlamentswahlen im Februar mit ihrer Koalition über eine zwei Drittel-Mehrheit verfügt, die Regierung übernommen haben14. Nun muss man zurecht rücken, dass weder Herr Mishima noch Frau Takaichi aus Clavells Shogun „abgeleitet” oder begründet werden können. Tragfähiger ist der Hinweis, dass es einen mindestens Jahrhunderte alten Strang der japanischen Kultur gibt, oft in Verbindung mit der Tradition des Gott-Kaisers, der patriarchale, hierarchische, dogmatische, rechte und rechts-extreme poltische Ordnungen bevorzugt.
Claude (mehr als den Vorfall wusste ich nicht mehr) betitelte das Dossier zu Mishima „Vom symbolischen Opfer zur institutionellen Macht“. Gemeint ist die Nippon Kaigi,15 eine politische Sekte/Fraktion im LDP-Umfeld mit einer rechten bis rechtsextremen Ausrichtung, der Frau Takaichi angehört. Die Nippon Kaigi vertritt über weite Strecken dieselben oder wenigsten ähnliche Forderungen, wie Yukio Mishima: im Zentrum stehen eine Verfassungsrevision, insbesondere die Abschaffung des Artikel 9 (Kriegsverzicht), die Aufrüstung der Selbstverteidigungskräfte und ihre Umbenennung in „Verteidigungsarmee“, eine Wiederbelebung der kaiserlichen Institution sowie eine Relativierung von Kriegsverbrechen und Kriegsverbrecherverehrung (im Yasukuni-Shrein). Erwies sich Mishima als melodramatische Posse, so verfügt Frau Takaichi mit ihrer 2/3-Mehrheit über die Mittel, die Verfassung zu ändern und das revisionistisch-radikale Nippon Kaigi-Programm durchzusetzen. Sie hat damit bereits begonnen, gibt Milliarden für die Aufrüstung aus und hat alle Geheimdienste neu aufgestellt.
V.
Bushido – als Anis Mohamed Youssef Ferchichi gebürtig – gibt mit seinem Künstlernamen zu Spekulationen darüber Anlass, was er damit zum Ausdruck bringen will. Ginge es ihm um den japanischen Codex, die zahllosen Ehrenhändel, Konflikte und Verurteilungen hätten längst den einen oder anderen Seppuku nach sich ziehen müssen. Überhaupt wäre die Verbindung des Samurai-Codex mit dem Gansta-Rap – von der cultural appropriation einmal grosszügig abgesehen – eine eher unglückliche Verbindung. Um eine Nuance passender wäre dann eine Selbstermächtigung zum „Ronin“ gewesen. Das bezeichnet einen durch den Tod ihres Gebieters „herrenlos“ gewordenen oder, Variante, in Ungnade gefallenen Samurai; letztere seien nicht selten, so zumindest erzählt es Clavell, in kriminelle Bandenbildung abgerutscht.
Möglicherweise aber waren bei der Identitätssuche auch ©-Fragen im Spiel, da der Schweizer Nik Bärtsch – der übrigens in Japan gelebt hat, dem Zen und dem Aikido sehr verbunden ist und ganz in schwarzem Kimono und mit markantem Haarschnitt wie ein Samurai daher kam (inzwischen eher mit Glatze) –, seine Jazztruppe Ronin genannt hatte – hier gewiss in der „herrenlos”-Konnotation.
Das sind Feinheiten, die bei günstiger Interpretation lediglich darauf hinweisen, dass es hier und da eine kulturelle Brückenbildung in den japanischen Kulturkreis gibt; nicht zu vergessen: historische. Insofern uns die Kultur fremd ist, weiss man nie genau, was gemeint ist.
VI.
Das ist natürlich die Frage, nämlich, was, ausser dass wir die Stirn runzeln, uns der Shogun-Exkurs sagen könnte. Zunächst, das gilt freilich immer und überall: muss man genau hinschauen, über welchen Fluss und wohin die Brücke führt. Gleich danach, auch das ist eine bekannte Küchenweisheit: die Dosis macht das Gift. Überhaupt, das jedenfalls ist meine Interpretation, geht es nicht um Importe, sonder mehr um das, was die „Begegnung” mit dem japanischen Kulturkreis (in mir) auslöst.
Wenn es um Verantwortung geht, so scheint mir alle Bekenntnis- und Erweckungsliteratur (von der ich mich nicht freisprechen kann) eine im Vergleich wohlfeile und dekadente Austragungsform von Verantwortung – vor allem aber eine, die das Gewissen beruhigt, ohne zugleich materielle Folgen befürchten zu müssen. Wäre die Klimabewegung auf „dem Weg des Kriegers” unterwegs, wären die Strassen von festgeklebten Seppuku-Helden verstopft. Jedenfalls stellt Dir der Samurai die Frage, ob denn die ungezählten Klimatoten nicht zur Schande Deiner Generation beitragen. Umgekehrt, auch das eine Einsicht nach der Lektüre, kann man doch schwerlich jene für die Schäden verantwortlich machen, die seit 50 Jahren „den Weg des Predigers” gehen, während sie von den wahren Ronins, den quartalsgetriebenen Tätern und ihren Bilanzbuchhaltern, verlacht werden.
Und wenn es um den Tod geht: so abwegig der Gedanke für einen Schreibtischhelden wie mich ist: Diese Haltung wird in der Ukraine gebraucht! Wir schauen von Ferne und „bewundern den Mut“, aber nur, solange wir es in dieser Abstraktion belassen. Bevor wir es auf uns selbst anwenden, würde vermutlich eher ein Insta-Clip entstehen, vielleicht einer über das „perfekte Gemüsebeet“.
Nicht viel anders steht es mit der Loyalität, die ist wie Cabrio fahren. Sie liegt uns genau solange am Herzen, wie die Sonne scheint, es nichts kostet oder den eigenen Zwecken in die Quere kommt.
Ich fass das mal zusammen: Wen wundert es, wenn uns (Westlern) die halbe Welt Bigotterie und Doppelzüngigkeit vorwirft?
VII.
Nein, ja, schon richtig.
Die Zeiten sind andere.
Wie soll das gehen, „Verantwortung”, wenn beinahe täglich – wie bei der KI – die Verhältnisse umstürzen? Wenn „Loyalität” – wie bei VW – eine Einbahnstrasse ist? Und wie liesse sich ein „ehrenvolles”, gelassenes Verhältnis zum Tod entwickeln, wenn Dich der Bergsturz erschlägt, wenn Dich die Ahrflut davonträgt, wenn Dich der Hitzesommer fällt. Ein ehrenhafter Tod, phhh!
Das ist doch Quatsch!
- https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/james-clavell-shogun-9783732475681
- https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Tetzel
- Der buddhistische Wiedergeburtsglaube als Quelle samuraischer Todesgelassenheit ist religionswissenschaftlich dokumentiert, vgl. "From Zen to Bushido: The Spiritual Journey of the Samurai", https://spotterup.com/from-zen-to-bushido-the-spiritual-journey-of-the-samurai/
- Die Formulierung "alles im Lot" ist eine eigene Zuspitzung; manche Quellen berichten sogar von einer Spannung zwischen dem Töten als Beruf und der Aussicht auf gute Wiedergeburt.
- (Klugscheisser wollen an der Stelle anmerken wollen, dass der Bushido/„der Weg des Kriegers” erst mit einem Buch von Inazo Nitobe aus dem Jahr 1900 popularisiert wurde, aber das nur nebenbei.)
- Platon: Sämtliche Werke, Bd. 2: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Übers. v. Friedrich Schleiermacher, hrsg. v. Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1993. Dort: Politeia 338c.
- Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Übers. v. Georg Peter Landmann. Zürich/München: Artemis & Winkler [Reihe „Sammlung Tusculum"]. Dort: V, 89.
- Machiavelli, Niccolò: Der Fürst. Übers. u. hrsg. v. Philipp Rippel. Stuttgart: Reclam [Reclams Universal-Bibliothek]. Dort: Kap. XVIII.
- Vgl. Mishima Yukio, in: Wikipedia (deutsch), https://de.wikipedia.org/wiki/Mishima_Yukio;
- https://en.wikipedia.org/wiki/Tatenokai
- https://en.wikipedia.org/wiki/Mishima_Incident
- https://en.wikipedia.org/wiki/Masakatsu_Morita
- https://en.wikipedia.org/wiki/Premiership_of_Sanae_Takaichi
- https://www.zdfheute.de/politik/ausland/japan-wahl-regierung-takaichi-100.html.
-
https://en.wikipedia.org/wiki/Nippon_Kaigi