Die Demokratie geht in die Knie (Krise I)

Schwarzmalen versperrt die Aussicht

Was ist eine Krise und wieviele?

 

Das alles mal gar nicht so rund läuft, nun, das ist keine Premiere. So war in den 80er Jahren war schon mal alles zu Ende, No Future! Auch heute: Krise, Krise, Krise!
Soll verschwinden – soll aufhören, uns auf die Nerven zu gehen. Geh mir fott! Man will’s nicht mehr hören, die Sau ist durch’s Dorf, Haken dran, what’s next!

Und? Hat’s geklappt?

Schon wieder?

Average: 4 (2 Bewertungen)

I. Was ist eine Krise?

Nichts Gutes, soviel ist klar, aber vielleicht lohnt ein genauerer Blick.

„Eine Krise (lateinisch Crisis) ist im Allgemeinen ein Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung in einem natürlichen oder sozialen System, dem eine massive und problematische Funktionsstörung über einen gewissen Zeitraum vorausging und der eher kürzer als länger andauert.”
Sagt Manfred G. Schmidt im „Wörterbuch zur Politik”, sagt Wikipedia.

Hhm.
Fragst Du mich, beginnt eine Krise bereits mit der Störung etablierter Abläufe und manchmal sogar schon mit der blossen Möglichkeit einer solchen Störung. Blauer Himmel, Sonnenschein, doch kriselt es schon. Die Krise ist, wenn die Entwicklung vom erwarteten Vektor abweicht oder die Ereignisse den vorgegebenen Pfad verlassen. Und zwar Krise, weil diese Abweichung einen anderen Umgang mit dem gestörten Sachverhalt einfordert. Die Krise bedroht den routinemässigen Umgang mit einem Sachverhalt mit unerwünschten Resultaten.

Krise ist nicht gleich Krise.
Sie hat zwei Gesichter, mindestens, und selbst eine gute Krise hat ihre dramatischen Aspekte: ich bin verliebt und alles, alles ändert sich, ein neues Leben! Regelrecht hinterhältig ist der Lottogewinn; lasse ich meinen Affekten freien Lauf, ist das sorgenfreie Leben in knapper Zeit vertan. Sogar wenn das Glück glücklich macht, ist nachher nichts mehr wie vorher; das sollte man nicht übersehen.

Doch die Krise zeigt meist das andere, das „Böse Gesicht”: Arbeitslosigkeit, Überschwemmung, Autounfall, ein schwarzer Tag … . Auch die böse Krise hat zwei Gesichter, eins vor dem „Ereignis”, wenn wir es vermeiden wollen und ein anderes danach, wenn wir dessen Folgen abwenden wollen oder aushalten müssen.

Meist ist eine Krise von drohendem Unheil geprägt; noch ist nichts passiert, doch wir sehen oder ahnen die Dominosteine bereits in Bewegung. Die Klima-, Migrations- oder gar Kriegskrise färbt den Horizont dunkel – und nur vielleicht, mit „den richtigen Massnahmen”, könnten wir das Unheil – noch – abwenden. Bereits in den Bedingungen der Möglichkeit ist die Zukunft enthalten – so Jean-Pierre Dupuy, und so beinhaltet die Krise das Unheil selbst noch nicht! Tritt es ein, ist diese Krise vorbei, dann IST Katastrophe; eine neue, andere Krise wächst heran.

Die (böse) Krise ist also eine Latenz- oder Inkubationszeit, in der (zumeist) alle Bemühungen darauf gerichtet sind, das Unheil abzuwenden. In der Einschränkung („zumeist”) wohnt die Fähigkeit. Das Bemühen setzt gewisse Möglichkeiten voraus, sowohl auf der Ebene des Faktischen (geeignete Massnahmen können auf ein Ereignis – noch – einwirken), wie auf der Ebene des Praktischen (dem Handeln stehen einflussnehmende Mittel tatsächlich zur Verfügung). Ist ein „Kipppunkt” erst einmal überschritten, lässt der Ablauf sich kaum mehr beeindrucken. Und ohne hinreichende Kräfte wird alles Tun den Schaden nicht abwenden.

Die Krise verkürzt die Zeit.

Auch Bemühungen (ver-)brauchen Zeit und stehen damit im Wettbewerb zum Eintreten des Unheils. Das „Drohen” des Unheils verläuft über einer timeline; sie erzeugt Handlungsdruck. Insoweit zumindest die Möglichkeit besteht, das Unheil abzuwenden, wird ein (zunächst theoretischer) Ablauf zur Bereitstellung oder Aktivierung der Gegenmassnahmen induziert. Klingt wie automatisch, doch das täuscht: Insoweit das Unheil ein unerwartetes Ereignis darstellt (nochmals Dupuy1; er sagt: wir glauben nicht, was wir wissen), sind die Gegenmassnahmen nicht vorbereitet: weder geplant, noch bereitgestellt und schon gar nicht umgesetzt. Das Unheil, so könnte man sagen, hat einen Vorsprung, der auf die Bemühungen einen materiellen und insbesondere auch psychologischen Druck ausübt. Druck, Reibung, Hitze – Hitze dehnt, vergrössert Widerstände, Bremseffekte verstärken die Stressoren, erzeugen weitere. Es wächst eine sich aufschaukelnde, negative Dynamik. Die Krise im Quadrat.

Der Blick auf die Polykrise

  II. Wie Krise wirkt

Der Einzelne, das Wort deutet das an, ist in der Krise auf sich selbst gestellt. Wäre er im Besitz der Zauberformel – In die Ecke, Besen! Besen! Seids gewesen – oder erwiese er sich als der Krise gewachsen, das kommt vor, müssten wir nicht darüber sprechen.

Doch sogar manch kleine Krise erweist sich als „zu gross”, fordert Massnahmen womöglich jenseits der eigenen Fähigkeiten, Kapazitäten oder Mittel, fordert jedenfalls uneingeübtes Denken und Handeln. Der Einzelne kommt an „seine Grenzen”, will das nicht eingestehen; im Ausnahmezustand reagiert er mit Panik, Amok oder Apathie; es gibt Krisen, die den Einzelnen  ver–rücken. Der Einzelne, zugegeben, hat sein Päcklein zu tragen; mitunter drückt es ihn nieder. Doch Politik unterscheidet sich von Identitätspolitik, indem es in ihr um das kollektive Ganze geht.

Krisen – Klima, Migration, Krieg – werden „kollektiv”, in dem sie mehr als „nur den Einzelnen” betreffen (… ein weisser Schimmel; jedoch): Quantität wird Qualität! Der Wirkungsgrad erhöht sich. Während der Einzelne in der Krise auf sich zurückfällt, haben kollektive Krisen einen expansiven, dynamischen, zuweilen exponentiellen Charakter: sie kaskadieren entlang der Breitenwirkung ihrer Ursachen und erreichen – kollateral – selbst einen vollkommen abseits chillenden Einzelnen.

Während die Krise des Einzelnen genau eine Person angeht – und damit auch „die Zuständigkeit” begrenzt –, erzeugt die kollektive Krise eine vagabundierende Unzuständigkeit. Rollen wie Regeln waren zuvor sorgfältig verteilt, doch in der Krise, Beispiel Corona, unprecedented, ist ein „neues”, zumindest anderes Vorgehen gefordert. Die alte Führung, im Status quo gestählt, stellt sich mit dem stets gleichen (eben:) bewährten Repertoire den neuen (eben:) Herausforderungen – und versagt; kein Wunder! Es sind in Wahrheit Probleme.

In einem Nebenaspekt seines jüngsten Buches „Termination Shock”, beschreibt Neal Stephenson, wie das Versagen in der Krise die bestehende Führung deligitimiert: denn sie verliert „das Mandat des Himmels”. Zuweilen erscheinen auch die traditionellen Ablöse- und Übergangsregeln unangemessen, weil sie – (eben:) regelhaft – die immer gleichen Personas hervorbringen. Genau da, ungefähr :-), findet sich der Kern der Unzuständigkeit: Das alte Personal ist deligitimiert, ein neues ist weder gefunden und schon gar nicht berufen. Vakuum. Es rumort.

In dieser eigentlichen „Stunde des Souveräns” kommen zwei gleichzeitige Eigenschaften des Kollektivs erschwerend hinzu:

  • Zwar erspürt jede Gruppe mit erstaunlich feinen Sensoren, wenn etwas schief geht.
  • Doch als handelndes Subjekt ist die Gruppe zugleich nur halb so schlau, wie ihr liebstes Dummerchen.

Diese Kombination produziert den Ernstfall. Zu den fatalen Wirkungen zählen … Hysterie, Autoaggression, Tunnelblick – deren hervorstechendste aber ist eine kollektive Regression. Hanno Sauer zitiert Schumpeter:

„So fällt der typische Bürger auf eine tiefere Stufe der gedanklichen Leistung, sobald er das politische Gebiet betritt. … Er wird zum Primitiven.”

Intuitiv weiss die Gruppe schon, dass Krisen nur mit entschiedenem, orchestrierten Handeln verhindert werden könnten. Doch leider: so unerwartet die Krise, so unbekannt die Massnahmen.

Eine Kakophonie der Möglichkeiten: links oder rechts, Flucht oder Kampf, Symptom oder Ursache usw.; nur wenige Optionen tragen Früchte und die gewünschten sehr selten. In diesem Hin und Her unterminiert das Gezweifel jedes Handeln. Das bange Einerseits-Andererseits führt über das Unentschieden hin zu Alexander Kluge: „In Gefahr und grosser Not, bringt der Mittelweg den Tod”. Gelegentlich bringt die Krise einen (neuen) Anführer hervor: wirkliche Führer, wenn es gut geht. Solche, die das Gezweifel kennen und ernst nehmen, dann aber überwinden, vielleicht sogar falsifizieren und schliesslich ausräumen können!

Der Zweifel steht im Zentrum politischen Handelns, ihn zu kommunizieren ist die höchste Kunst, ungeübtes Mundwerk die Regel. Der Kanzler weiss nicht, wie weit er gehen kann, ohne Deutschland zur Kriegspartei zu machen. Die Maulhelden aller Himmelsrichtungen dagegen wissen das genau, im Abseits der Verantwortung nehmen sie das Risiko billigend in Kauf. Doch weder für den Kanzler noch für jene Helden stellt die Zukunft Garantien aus. Der Erfolg politischer Massnahmen ist ungewiss: zu viele Einflussfaktoren, selbst profunde Wahrscheinlichkeiten zittern im Vielleicht; jeder weiss das2. Nur – leider – will keine Gruppe jemandem folgen, der es am Ende auch nicht besser weiss. Politische Führung entsteht in diesem Dilemma – oft genug als alternativloses Durchgewurschtel. Wenig politische Führer verfügen über kommunikative Fähigkeiten, um „energetischen Verluste” zu kompensieren (an Überzeugungskraft, Einsatzbereitschaft, Mut-zur-Lücke), die das Gezweifel notwendig erzeugt.

Meist ist das nicht der Fall,

Maulheldentum dagegen die Regel, und es ist eine höchst bedauerliche Koinzidenz, dass dafür bereits mittlere Geistesgaben genügen. In Unkenntnis der eigenen Grenzen, unterschätzen solche Volksflüsterer die Gefahren, überschätzen sich und ihre Möglichkeiten, behaupten Halbgegartes, strafen Gegenrede mit polemischer Verachtung und führen die Gruppe irgendwohin. Das mag sogar klappen, für eine Weile! Auch das blinde Huhn find mal ein Korn. Die Zukunft ist für gute und schlechte Führer gleichermassen unbestimmt. Gute Führer wissen, dass sie (auch) Glück hatten, wenn ein Plan gelingt – während schlechte Führer einen Erfolg nur sich selbst zurechnen und für jeden Misserfolg andere verantwortlich machen.

Bis hierher ging es um „die Krise”, ihre Wirkung auf den Einzelnen und das Kollektiv. Kommen wir von der Theorie zur Praxis. Bekanntlich findet sich der Westen von Krisen regelrecht umzingelt, darunter die grössten, bedrohlichsten, die in weiten Teilen der übrigen Welt weniger ernst genommen werden. „Wir glauben nicht, was wir wissen” muss eigentlich heissen: „Die Einen glauben nicht, was die Anderen wissen.” Es ist eine politische Sollbruchstelle: das nationale und sogar das internationale politische Inventar ist den Anforderungen der globalen Entwicklungen nicht gewachsen. Das Kollektiv, und in diesem Fall: die Menschheit, spürt das und regrediert, WEIL kein Ausweg erkennbar ist.

Je grösser die Gruppe, desto simpler, kruder und eindimensionaler oder unbestimmter die Parole – MAGA – gewürzt und abgerundet von der Schuldfrage; irgendeine Minderheit find' sich immer: Juden, Linke, Migranten. In grossen Gruppen, sagt Sauer, geht es gar nicht mehr um Argumente, sondern um Bekenntnisse, Loyalitäten. Der Gruppenzwang diskutiert nicht. Der Anführer droppt Stichworte, seine Parolen streichen über das Publikum, dessen Aufgabe (und sogar dessen Selbstverrständnis!) ausschliesslich auf die Zustimmung reduziert ist. Möglich macht das eine weitere Diagnose: Die Parolen, die Anschauungen, die Ziele selbst sind leer, Nebelschwaden („Sie kennen mich.”). So fasst Sauer „die politische Polarisierung” zusammen: „ … [sie hat] zu einem grossen Teil überhaupt keine ideologische Dimension, sondern ist ein rein affektives Phänomen. Wir sind gar nicht unterschiedlicher Meinung, sondern hassen einander nur.”

 

III. Die Demokratie

Entwicklung Demokratie/Autokratie

Der jüngste DEMOCRACY REPORT (veröffentlicht am 7-III-2024, daraus auch © die Grafiken) des V-Dem Institute3 fasst Entwicklung wie folgt zusammen:

„The world is almost evenly divided between 91 democracies and 88 autocracies.

  • But 71% of the world’s population – 5.7 billion people – live in autocracies – an increase from 48% ten years ago.
  • Electoral autocracies have by far the most people – 44% of the world’s population, or 3.5 billion people.
  • 29% of the world’s population – 2.3 billion people – live in  liberal  and  electoral democracies.

Israel falls out of the liberal democracy category for the first time in over 50 years.”

Erstaunlich: mit 44% sind gewählte Autokratien global die mehrheitliche Regierungsform. Und ausgerechnet in 2024 ist die Hälfte der Menschheit zu Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen aufgerufen.

„Womöglich werden dieses Jahr ausgerechnet Wahlen zu Rückschlägen bei den weltweiten demokratischen Fortschritten sorgen – wenn etwa demokratiefeindliche Kräfte in den USA oder Deutschland triumphieren und autokratische Regierungen wie in Indien ihre Arbeit fortführen können.” (Quelle: Spiegel)

Regierungsformen nach Region

USA (I)

Von all den vielen Wahlen – auch in San Marino, auf Tuvalu, Palau und den Komoren wird gewählt … findet die wohl wichtigste in den USA statt. Mit Blick auf deren wirtschaftliche, militärische und geopolitische Bedeutung, nicht weniger jedoch auch wegen ihrer Strahlkraft in andere Länder, wird das die für den Westen gefährlichste. Mit positiv thinking kommt man hier nicht weiter. Die Niederlagen Trumps (2021, Midterms 2023) haben weder seine Ambitionen gedämpft, noch haben die Prozesse, Skandale und wirren Reden seinem Wirkungsgrad Abbruch getan. Im Gegenteil erscheinen die USA polarisierter denn je, wenn nicht bereits gespalten. Folgt man US-amerikanischen und internationalen Kommentaren, so steht die Demokratie selbst auf dem Spiel.

Regierungsformen Erklärung

Diese Gefahr schillert in Facetten: Zu befürchten steht, einerseits, dass interessierte Kräfte trickreiche Anstrengungen unternehmen werden, um mit Fälschungen Einfluss vor allem auf solche Wählerschichten zu nehmen, die ohnehin Mühe haben einen Ochsen von einem Esel zu unterscheiden. „The purpose here is not to fool high-information voters or the mainstream media. The purpose is to trick low-information Republican voters …” schreibt der Economist; und weiter:

»But the voice in the recording was not Mr Vallas’s, nor any human’s: it was a „deepfake”, generated by artificial-intelligence (AI) software, which had been trained to mimic the sound of Mr Vallas’s voice.
This is the sort of incident that is keeping candidates, political analysts and anyone worried about the health of democracy up at night. Countries with a collective population of some 4bn—including America, Britain, India, Indonesia, Mexico and Taiwan—all vote for leaders in 2024. Given AI’s existing capabilities and rapid evolution, it seems inevitable that at least some of these contests will be manipulated by subterfuges like the one that targeted Mr Vallas.«

Eine Etage höher beschreibt es Michael Seemann in seinem Newsletter so:

„…die Realität ist broken. Es sind nicht nur die Institutionen, denen wir misstrauen, sondern alle unsere Streams sind suspekt geworden. …
… Das Zeitalter des Rauschens beginnt nicht deswegen, weil wir plötzlich besser Bilder fälschen können, sondern, weil kein Unterschied mehr einen Unterschied macht, so dass wir kollektiv den Glauben an das Signal verlieren.”

Die Entwicklung aus technologischer, kultureller oder philosophischer Perspektive zu betrachten genügt allerdings nicht! Das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, besteht aus Sendern und Empfängern. Mit seinen einfachen, unterkomplexen Reden ist Donald Trump nicht nur zum Sprachrohr für das ländliche, bildungsferne Amerika geworden; als Persona ist er in Blueprint, der auch in anderen Ländern funktioniert (etwa in den Visegrád-Staaten), frei nach dem Motto:

„Dummköpfe aller Länder, vereinigt Euch!”

Schwarzmalen allein verdunkelt die Sicht, gelegentlich zeigt sich ein Silberstreifen am Horizont. In Polen und Brasilien wurden autokratische Regierungen abgewählt. In Deutschland kam es nach dem „Geheimtreffen” in Potsdam zu grossen, breiten und wiederkehrenden Demonstrationen der „bürgerlichen Mitte” gegen rechte Kräfte und Tendenzen in der Gesellschaft (oder war es doch nur das links-grün versiffte Klientel, wie es die NZZ wissen wollte?). Politisch korrekte Kommentatoren zeigten sich erleichtert, ermutigt und sahen „Grund zur Hoffnung”. Im Februar sahen 39% der Deutschen im Rechtspopulismus und Rechtsextremismus die grösste Gefahr für die Demokratie (laut Statista).

Doch die rosarote Zuversicht kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der deutschen (und in vielen anderen) Gesellschaften eine politisch rechte, rechtspopulistische Grundlast besteht, die sich jederzeit wieder manifestieren könnte – manifestieren wird: in der „Sonntagsfrage” hat die AfD zwar 3 bis 4 Punkte eingebüsst, liegt aber weiterhin stabil vor SPD und Grünen. In den Prognosen zu den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg wird die AfD – Stand März 24 – mit ~30% zur stärksten Fraktion; bei der (deutschen) Europawahl wird sie ihr vorheriges Ergebnis vermutlich bis auf einen zweiten Platz hinter CDU/CSU verdoppeln, und zweistellige Zugewinne des rechten Spektrums stehen Europa-weit in den Prognosen.

So richtig beruhigend klingt das nicht.

Bleibt die Frage: Warum? Und warum geschieht es weltweit? Zunächst, sozusagen im Ausschlussverfahren, gehen wir die Frage umgekehrt an: autokratische und diktatorische Regimes werden meist in einem Atemzug genannt, aber es wäre absurd, wollte man etwa die chinesische Bevölkerung für ihre Regierung verantwortlich machen: Zensur, Propaganda, Unterdrückung und Überwachung hebeln jede demokratische Meinungsbildung aus, von einer Einfluss-nehmenden Meinungsäusserung zu schweigen – etwa offene Fragen wurden auf dem Tian’anmen-Platz und in Hongkong beantwortet. Plus/minus gilt das für alle gesichert diktatorischen Regimes. Lediglich die Wahlbeteiligung – wie jüngst in Bangladesh oder im Iran – lässt gelegentlich Rückschlüsse über den Zustimmungsgrad in der Bevölkerung zu.

Die Diagnose ist ebenso bedrückend wie eindeutig: im Markt für Regierungsformen hat sich die Kundschaft von der „Marke Demokratie” abwendet. In einem Konzern, nennen wir ihn „Liberal Democracies, Inc”, wäre der Supervisory Board gut beraten, den Vorstand zu feuern.

Marktforschung

IV. Die Marktforschung

Wo Gewalt und Unterdrückung das politische Geschehen bestimmen, fällt es schwer, die Bevölkerung für ihre Regierung verantwortlich zu machen; doch im Übrigen – in den USA, in Frankreich, Italien, Belgien, Ungarn, Polen, Brasilien … nicht zuletzt auch in Deutschland – stellt sich die Frage nach dem Warum.

„Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.

Einige der möglichen Motive und Faktoren haben wir im ersten Abschnitt – zugegeben eher küchenpsychologisch als beweiskräftig – hergeleitet. Auf der Metaebene versucht Herfried Münkler eine Antwort: Menschen bevorzugen – offenbar — die Sicherheit, bevor sie sich für die Risiken der Freiheit entscheiden; allerdings sei auch die Sicherheit eine Illusion, klar.  Weniger sozialdemokratisch disponierte Zeitgenossen könnten ergänzen: Mit der Freiheit verhält es sich keinen Deut besser. Einigermassen gesichert lässt sich sagen: die Polykrise geht durch Mark und Bein und die ganze Gesellschaft; die Verursicherung greift um sich und ist existentiell. In einer aktuellen Studie glauben 25% der Wähler, dass es ihnen über’s Jahr schlechter gehen wird, und von den AfD-Wählern glauben das sogar 46%.

Eine Initiative der (bekanntlich SPD-nahen) Friedrich-Ebert-Stiftung untersuchte das Vertrauen in die Demokratie 2019.

„Weniger als die Hälfte war mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden.”

In 2023 wurde die Studie neu aufgelegt. Das Ergebnis sei „insgesamt stabil”, jedoch mit starken regionalen Unterschieden, heisst es im Vorwort.

„In den alten Bundesländern ist nun ungefähr die Hälfte, in den neuen Bundesländern nur noch ein Drittel der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden.”

Beeindruckend sind vor allem zwei Befunde, erstens: Über alle Befragten ist das Vertrauen in die gewählten Abgeordneten mit 24,5% erschütternd niedrig. 33,4% möchten politische Entscheidungen lieber in die Hand fachlicher Experten legen und 41,1% wünschen sich regelmässige Volksentscheide. Zweitens: Wer schlecht ausgebildet ist, wenig verdient und sich für Politik wenig oder gar nicht interessiert, misstraut der Demokratie (Vertrauen: 15,8%) und möchte lieber selbst entscheiden (Volksentscheide: 49%). Die Polemik drängt sich auf: kein Interesse, keine Ahnung, aber mitreden wollen.

Probleme

In den „Problemen der Deutschen Demokratie” findet sich weiterer Sprengstoff: Über 80% finden, dass nicht geschieht, was versprochen wurde, 75% sehen sich in ihren Abgeordnenten nicht repräsentiert, fast 75% halten die Demokratie für zu schwerfällig und 70% beklagen den Einfluss von Lobbies.

„Nach aktuellen Umfragen würden acht Millionen Deutsche die AfD wählen.“

Die Studie wurde in der (schon zitierten) ZEIT ausgewertet. Unter dem Sammelbegriff „die Medien” selbst im Zentrum der Sammelklage, fragt das Wochenblatt verwirrt, um wen es sich dabei handelt. Erwartungsgemäss sind die meisten über 60 (40%), auch zwischen 30 (14%) und 59 (25%) ist die AfD stark vertreten – 44% der AfD-Wähler sind Frauen, selbst die. 38% haben einen Haupt- und 37% einen Realschulabschluss – und die meisten verdienen weniger als der Durchschnitt. Und fast alle, Männer wie Frauen, rechnen sich der politischen Mitte zu – padauz! Selbstbild und Fremdbild kommen nicht recht zur Deckung. Wahlentscheidend, so lässt es sich zusammenfassen, ist das Thema Migration. Dazu wird der Soziologe Nils Kumkar zitiert:

„Man kann an der Migration das eigene Zukurzkommen thematisieren, man kann darin das Unbehagen an der Veränderung der Welt verhandeln, und man kann die Regierung für das verantwortlich machen, was passiert.“

Die eingangs beschriebene psychologische und die soziologisch-empirische Sicht auf die Gesellschaft kommen nicht zu exakt den gleichen Einsichten, doch liegt die Vermutung nahe, dass sie sich zueinander komplementär verhalten.

„You know, social psychologists have studied what makes people want autocracy or at least since Hitler rose to power, and I think that the theory developed by Erich Fromm, who is a German social psychologist, is actually the most illuminating. He had this theory that there are times in human history when people feel so dislocated, so economically anxious, so fearful of the future that it is easier to hand their agency over to an autocrat in exchange to the promise of stability. The autocrats never deliver the promise of stability, but there’s this emotional promise of predictability, stability and the message that you don’t have to think about your future.” (Mascha Gessen on pbs.org)

Die Demokratie geht in die Knie

Über der Gesellschaft wölbt sich ein Multikrisenhorizont, der sich nicht allein durch seine existentielle Themenvielfalt sondern auch durch seine Hartnäckigkeit auszeichnet, mit einem Hang zur Auswegs- und Aussichtslosigkeit. Man hofft, der Krug möge vorüber gehen. Zugespitzt könnte man sagen: Katastrophen terrorisieren die Betroffenen, Risiken terrorisieren alle. Unter diesem Druck polarisiert und radikalisiert das bereits schwindende Zutrauen zur Lösungskompetenz der bestehenden politischen Strukturen.

Eine demokratische Gesellschaft zu kippen, geht auch ohne die asozialen Medien. Sie sind selbst nicht die Ursache des Schlamassels – doch verstärken sie die gesellschaftliche Volatilität. Wie das Wetter machen auch die asozialen Medien an keinem Schlagbaum Halt. Das gilt für die Fridays For Future – aber auch für die sogenannten Re-Migration-Kampagnen. In dem sie vormals unverbundene Gesellschaftsgruppen vernetzen, beschleunigen und verbreitern sie politische Prozesse – und setzen bestehende Strukturen unter Opportunitätsdrücke.

 
in Gerhard Gamm, Andreas Hetzel (Hg.): Unbestimmtheitssignaturen der Technik. Eine neue Deutung der technisierten Welt. Bielefeld: transcript 2005, S. 85
2 Wollten wir hier weiter zu Dupuy halten, so allenfalls unter der Einschränkung, dass die Disposition der Zukunft in der Gegenwart auf einen schmalen Ereigniskanal beschränkt ist; die politische Zukunft dagegen wird vom SideKick beherrscht.
3 V-Dem ist eine internationale Teamarbeit und eines der größten sozialwissenschaftlichen Datenerhebungsprojekte zur Demokratie in der Welt. Das V-Dem-Institut unter der Leitung von Professor Staffan I. Lindberg ist ein unabhängiges Forschungsinstitut; es hat seinen Sitz an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Göteborg in Schweden.

 

Im zweiten Teil dieses Essays geht es um die Frage: Was tun?