Ich muss immer erstmal nachdenken. Bis ich fertig bin, ist das Meiste gesagt, oft auch schon von jedem. Die Hunde haben gebellt, die Karawane zog weiter. Schulterzuckend und mit einem sarkastischen Lippenstrich zuckele ich hinterher.
Die Sonne geht im Osten auf
S-A-L-E
Länder im Angebot
Willst Du den Job?
Der Kanzler wartet bis 18:06 und übernimmt, da steht er, und er kann nicht anders, die Verantwortung.
Wie tut er das? Er macht so weiter, wie bisher.
I.
Das erste, das mir einfällt, ist gar nicht mir eingefallen, nur aufgefallen, nämlich, mittelbar, Marc Saxer, der – ich vermute aus dem fernen Jakarta, deswegen ist er online, wenn wir gerade aufstehen – in seiner Wahlanalyse darauf hinweist, dass die Menschen Sorgen haben, die sie zu Entscheidungen motivieren. Man vergisst das leicht, wenn einem der Kopf nur noch in den dunklen GrossGewitterWolken steckt.
Es sind Landtagswahlen, die hinter uns liegen, Wahlen über das Lebensumfeld, eigentlich, das zwar auch in der grossen, weiten Welt liegt, aber eben mit einem von Hügeln, Flüssen oder Autobahnen begrenzten Horizont. Danilo Scholz gräbt eine Grafik der FT aus, die zeigt, dass in den kleinen Gemeinden Sachsen-Anhalts (unter 5.000) 20 Prozent mehr Wähler für die AfD stimmen, als in grösseren Gemeinden (über 50.000) – und selbst in denen sind es schon über 30 Prozent. Nicht so ausgeprägt und umgekehrt: der Trend bei den Grünen.
In kleineren Gemeinden – ich habe eine Weile in einer solchen gelebt – spricht man wenig, über Politik noch weniger, und wenn doch, dann schimpfend. Die Kita ist seit drei Wochen geschlossen. Scheiss Kanzler. Auf dem Lande ist es wie in den sozialen Medien, es herrscht die Bubble. Meinungen sind eher sozial, familiär, betrieblich – jedenfalls nicht „politisch“ oder „analytisch“ – sie unterliegen der Gruppendynamik, Gruppenzwängen. Sie pilzen auf den Wiederholungen, die Tag für Tag aus dem Blubberfunk perlen, um „halb zehn in Deutschland” werden die vier Buchstaben weitergereicht, die Fussball-Seite zuletzt.
Aus kleineren Gemeinden gibt es kein Fortkommen, man muss es miteinander aushalten; besser, man passt sich an. Meinungen, unterstellte zumal – die Augen von unten schräg, über die Brillengläser – sind eine billige Währung. Eigentlich ist Politik egal, unter ferner. Nicht egal ist der Spritpreis. Scheiss Kanzler! So einen wie Trump!, einen der macht. Wo es keinen Diskurs gibt, keinen was?!, braucht es auch keine Logik, keine Argumente. Nicht welche Meinung Du hast ist wichtig, ich sach lieber nix, sondern, dass wir einer Meinung sind.
Über einer Landtagswahl liegt die grosse Welt wie eine Glocke. Sie bestimmt das Klima und den Klimawandel. Die Baustelle in Madenbach kost mich jeden Tach ne Stunde Umweg. Scheiss Kanzler. Und die werden und werden nicht fertich. Scheiss CDU übringens auch. Siehste nie, dass da wer arbeitet. Nur mit Strasse aufreissen, da sindse fix. Undie SPD is auch nicht bessa. Das Leben ist scheisse, das isses. Früher war alles besser. Hörste doch jeden Tag. Gestern wieder 3 Stunden aufm Amt, wegen Kindergeld, drei Stunden! Scheiss Kanzler. Die schieben da ne ruhige Kugel, kannste ma von ausgehen. Und unsereins sitzt sich den Aasch platt. Ich mach die Woche krank, dass der Schuppen endlich mal fertig wird. Logisch, sons lohnt die Versicherung doch nich! Teuer genuch. Und geh mir weg mitten Grünen. Alles Verbrecher.
II.
Der Analytiker kommt auch mit seiner Analyse nicht weiter. Strengt sich an. Soll sich aus dem wirren Zeichensalat so etwas wie eine Erklärung herausschälen. Diagnose: Inkonsistent. In McPomm wird Frau Schwesig gewählt, die Frau gegen blau. Sie verliert, aber egal. Ihr vor die Nase, jetzt die AfD, wird die Partei gewählt, nicht der Kandidat. In Sachsen-Anhalt wird Herr Siegmund gewählt, fescher Kerl, messerscharf der Scheitel, sauber rasiert der Nacken. In Berlin wird Herr Krach nicht gewählt, auch ein fescher Kerl, auch mit Scheitel, etwas wuschig. Gesichtskantenlos. Frau Giffey wird abgewählt, lieber wird Frau Eralp gewählt, die keiner kennt. Man muss sie nicht kennen, denn 69 Prozent der Linken-Wähler tun das aus Überzeugung und des Programmes wegen, sagt Infratest/dimap. Und deswegen trägt Frau Eralp so ein Namenskettchen, wo Du statt eines Namens: „Mietendeckel“ liest, Sonderanfertigung, in Gold.
Die einfachste Erklärung dafür, dass sich in Deiner „Analyse“ keine Erklärung finden wird, findet sich dort, wo man auf die Menschen schaut. Ich wohn in Berlin: mich wundert gar nichts mehr. Aber lebst Du auf dem Land, sehen die Menschen auch anders aus. Wen wundert’s! Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Vor allem aber scheitert die Analyse an den Ergebnissen. Der Wahlen. Sagen wir, die wären alle an einem Tag gewesen. Ist ja nichts weltstürzendes passiert, dazwischen. Nicht ganz sauber: Sachsen-Anhalt hat gewiss auch nach McPomm „gestrahlt“; die Unentschlossenen vielleicht, dass es da einen wählerischen Verschmutzungsfaktor gibt, gewissermassen. Schauen wir auf das Grosse und das Ganze:
Die AfD besiegt das Land, die Linke besiegt die Stadt.
Die CDU verliert wie doof, und der Kanzler ist schuld. ’S hat mit den Ländern nichts zu tun, aber da ist der WählerInnende nicht pingelig. Die Grünen halten sich unauffällig, ein Restposten, mal mehr, mal weniger.
Frau Schwesig, knallrot, ist kantig genug, verliert, aber mit 35,5 Prozent! Ja, weiss denn der Wähler nicht, dass die SPD am Abschiffen ist! Das passt nicht ins Bild. In Sachsen-Anhalt hatte die SPD sogar ein Prozent zulegt; zwar nur 9 Prozent, aber mehr, als beim letzten Mal. Passt auch nicht ins Bild. Wahlanalysen: Das Land ist so blau wie Amerika rot (bei Trump); Berlin dagegen ein Kessel Buntes. Das ist alles so ein Durcheinander! Und:
III.
Jetzt Du. Sagen wir, Du bist die Partei. Sag: Was jetzt! Was machen „wir” mit der Wahl, der Situation, der Partei, dem Land? Du hast keine sechs Monate Zeit: 18.04. Schleswig-Holstein und Saarland, 25.04. Nordrhein-Westfalen, 30.05. Bremen, (26.09. Niedersachsen).
Fangen wir mit der AfD an: Du bist AfD. Als erstes freust Du Dir ein Loch in den Bauch, wenn Du den Schlamassel nicht regieren musst. Warum: weil Dein halbes Wahlprogramm rechtlich nicht durchsetzbar ist (solange das Land zur Bundesrepublik gehört). Praktisch: würdest Du mit dem Umsetzen anfangen, hast Du monatelang ein Verfahren nach dem anderen am Hals, inkl. Bundesverfassungsgericht und der Medienmeute, die Dir Deine Handlungsunfähigkeit auf’s Butterbrot legt. Dein Problem: Wenn das fahnenklappernde BSW sich zu Bette begibt, und Du am Ende doch ran musst. Nunja, wer will sich schon den Kopf der AfD zerbrechen …
Bist Du die Linke, hast Du immerhin „nur“ ein Erfolgsproblem: mit wem koalieren, zu welchen Bedingungen. Da Du an der Wohnungspolitik gemessen werden wirst, hast Du eine gewisse Chance, den Koalitionären auch ne Scheibe abzugeben, ohne dass es Dir auf die Füsse fällt. Du hörst es ja schon: wie die Maikäfer fangen die an, ihre Positionen aufzupumpen. Sagen wir: es klappt, muss ja. Doch gleich danach: Glaubst Du, honestly, Du oder Ihr könntest Berlin in den Griff kriegen? Zumal Dir die Wohnungsfrage, egal wie, wenn Du sie angehen wolltest, den letzten Heller aus dem Budget saugt…
Plus: Seit 2021 „gilt“ für Berlin eine Entwicklungsstrategie mit fünf (thematische) Stadtentwicklungsplänen; Horizont bis 2040. Das kannst Du nicht einfach alles in die Tonne treten. Du würdest es auch nicht wollen, wenn Du gelernt hättest, wie sehr, sehr mühsam es ist, überhaupt etwas auf den Weg zu bringen … plus all die Unwägbarkeiten. (… die Agenda 2010: Schröder hat sie den Kopf gekostet, Merkel hat die Meriten eingestrichen.)
Aus der Perspektive der Linken wird es bereits eine „Herausforderung“ sein, den Planungsstand zu konsolidieren und zu evaluieren und schliesslich einen Griff dran zu kriegen; nicht zu reden von all den Vorstellungen, die von anderer Seite geltend gemacht werden …
Und das waren die einfachen Fälle.
Jetzt bist Du CDU. Deine erste Idee: ich mach krank, Björnaut, gleich für sechs Wochen. Du willst nicht in die Parteizentrale, willst Du nicht. Du willst aber auch keine Neuwahlen. Musst mit der SPD weitermachen. Die Probleme mit den Genossenden bleiben und, weil es denen so schlecht geht wie nie, Panik, werden sie vermutlich „immer schlimmer“, dreister: Das Rentenpaket kann nur aufschnüren, wem an der Problem-Lösung weniger gelegen ist, als an der eigenen Partei-PR. Die Pflegeversicherung oder privat und gesetzlich anzugehen, das schneidet Dir direkt in Deine Wählerbasis. Der Kanzlerfrage haben sich Springer-und-die-Hauptstadtjournaille angenommen, mit Wulf Schmiese und Diana Zimmermann als Muezziinnenden. Und jeden Montag musst Du in die Bayerische Landesvertretung, weil Dich der Markus in den Arm nehmen will.
Nee, sagst Du, den CDU-Job willst Du nicht haben. Return-to-sender. Versteh ich. Aber wer soll’s machen? Herr Amthor?
Willst Du lieber die SPD? Gott-bewahre, ich hör Dich. Das Glöcklein läutet, Herr Lindner bietet eine Outplacement-Beratung. Natürlich, auch hier müsste man die Sache „operativ“ angehen, also praktisch; deswegen ist hier das Problem: das Was?! Was angehen? DU kannst ja in der Partei jeden fragen: es weiss nur keiner. Wozu ist die SPD da? Für die Autoindustrie, OK, nur: die verbittet sich Deine Fürsorge! Für die Mitte der Erwerbsarbeitenden, nur sind die an der letzten Ampel nach rechts abgebogen. Ich sag mal Klartext: als letzte Klientel bleibt nur die Parteizentrale (in Frankfurt, als der KBW abgewickelt wurde, gab's das schon mal, ach ja, und bei der FDP).
Denken wir positiv: bevor Du bei der SPD an die Arbeit gehen könntest, bräuchtest Du erstmal ein, zwei Jahre Programm-Kommittee. Vielleicht weiss McKinsey Rat? Wie auch immer: bis ins Frühjahr wird das nichts.
Blieben noch: die Grünen. Also. Die Grünen sind das Letzte. Wenigstens hier wüsstest Du Rat, oder! Ich sag nur: Luisa for Kanzleramt. Das wäre zwar ein 10-Jahresprogramm, … , sie hätte die Zeit, ... auch der Parteitag mag’s gemütlich. Ob das Land die Zeit hätte – eine andere Frage.
IV.
Was ich sagen will, deswegen meine Warnung gleich zu Beginn: Denk ich an Deutschland in der Nacht, … mir fällt einfach nichts ein. Das Volk ist das Problem, das war meine „Erkenntnis” 2023. Es herrscht Ausverkauf allüberall. Oben am Baum zersägt die Nation ihren Ast, unten, im Wurzelwerk, bearbeiten die 5.ten Kolonnen den Rest.
Jetzt will ich aber noch sagen, wie alles mit allem zusammenhängt: Hast Du Landtagswahl, wird der Kanzler bestraft. Hast Du den Bundestag aufgelöst, wird Europa bestraft. Hat sich Europa zerlegt, geht’s geopolitisch rund. Zu glauben, dass Du ein Problem löst, und dann das nächste usw., dieses „einen Schritt nach dem anderen”, dieses liberal-demokratische Krisenmanagement, das alles scheitert, weil Dir das Klima in die Speichen greift, oder die KI ausbricht, oder VW Pleite geht, oder die Börse kollabiert, oder Corona, Putin, Trump, … – Du kannst die Krisen gar nicht so schnell aufzählen, wie sie über Dich „und das Ganze” herfallen, und Dir Deine schönen Schritt-für-Schritt-Pläne (schön wär’s!, das kommt noch hinzu) aus den Händen schlagen.
Auswandern ist ja auch keine Lösung, oder vielleicht nach Canada? Das war schon mein Jugendtraum. Als Trapper in die North-West-Territories, „a Ruh hätt’s da scho“, am Great Bear Lake hat der Google nicht mal ne Strasse reingemalt. Aber in meinem Alter?