Ich sehe die Ursachen der- und die Hinwendung zu sprachlichen und politisch korrekten Nebenkriegsschauplätzen vielmehr zunächst in einem grundsätzlichen politischen Orientierungsverlust nach dem Untergang des (real-exitierenden) Sozialismus (dessen „reale“ Ausprägung von der überwiegenden Linken harsch kritisiert wurde) und dem damit einhergehenden Verlust eines alternativen Gesellschaftsmodells (denn der Auslöschung seiner politischen Materialisierung fiel auch die Perspektive eines „besseren Sozialismus“ zum Opfer). Nach dem „Ende der Geschichte“ fehlt es der Linken an einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Zielvorstellung und an die Stelle einer radikalen Gesellschaftskritik treten bei jenen vielen, die (leider nur noch) „irgendwie“ im Dissenz zu den gegebenen Verhältnissen stehen, die zahllosen Einzelfragen von Benachteiligung und Ausgrenzung. Ich sehe in der (da stimme ich Pfaller zu) falschen politischen Granularisierung eine eher hilflose, gleichsam stellvertretende Substitution vormals „zentralistischer“ Gesellschaftskritik.
„Die dritte Macht, die diesen Strömungen Aktualität und Hegemonie verschafft, ist das neoliberale Interesse an der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus der Mitte nach ganz oben sowie der dementsprechenden Privatisierung der öffentlichen Güter und Räume. Ihr kommen die postmodernen Bestrebungen, den öffentlichen Raum den Kriterien privater Räume und der dort üblichen Rücksicht auf Empfindlichkeiten zu unterwerfen, äusserst gelegen.“ (61)
„Benachteiligte aller Missstände behandelt man so, als ob sie keine anderen Sorgen hätten als mit einem speziellen, meist zartbesaiteten Namen bezeichnet zu werden.“ (164)
Schon richtig. In meinen Augen aber sind die Schwächen der "dissidenten" Ersatzhandlungen kein Ergebnis irgendwelcher Dunkelmächte, die in Neo(n)-ThinkTanks kulturelle Gross-Strategien ausgeheckt haben. Nur nebenbei: seitdem es anormal ist, nicht verrückt zu sein, fährt auch der Dissenz in der Mitte der Strasse. Ich halte diese Widerstandswölkchen eher für das Resultat einer funktionsorientierten, partikularistischen, anti-politischen und ich würde sagen „semi“-akademischen Ausbildung (und der Verheerungen des Bologna-Prozess'), als deren Ergebnis breiten Teilen der Ton-angebenden und Trend-machenden jüngeren, in-die-Mittelschicht-strebenden Meinungsinhaber die intellektuellen, politischen und historischen Grundlagen der Gesellschaft weitgehend unbekannt sind. „Abgesehen von diesem Beispiel habe ich nie ganz eingesehen, warum Leuten, die doch politisch zu denken gelernt hatte, gerade ihre Identität so wichtig war.“ (160) Eben nicht! Die Weltbilder heute, meine Analyse, resultieren aus intellektueller Erfahrungsarmut; zugleich aber sind „Identitäten“ heute so vielen zutiefst widersprüchlichen Rollenanforderungen ausgesetzt, dass ihnen der Sinn dafür, ob sie Männlein oder Weiblein sind, ins Wanken gerät.
„Dies führt zu dem gegenwärtigen Zustand gleichsam »babylonischer Sprachentzweiung«: Teile der Elite und die gehobenen Mittelschichten, die von der neoliberalen Politik entweder profitieren oder dies erhoffen, betreiben ein zunehmend verkrampfteres und elitäreres Saubersprechen; und alle anderen ergehen sich – vielleicht auch trotzig – in immer dumpferem und unflätigerem Gerülpse.“ (203)
Wie bereits bemerkt, hat sich Pfaller mit einem breiten Spektrum sprachlicher Regressionen auseinander gesetzt und die im Ganzen doch etwas grobschlächtige Zusammenfassung hier wird der Analyse in der Breite und der Tiefe nicht gerecht. Das hat – auch – damit zu tun, dass mir das Buch streckenweise lästig wurde, insbesondere in seinen Abschnitten 3 („Weisse Lügen, schwarze Wahrheiten“) und 4 („Wie die anderen zu unseren Bestien werden“), und dass mir dort, wo ich sie kenne, und so, wie er sie einführt, Pfallers intellektuelle Wurzeln (Althusser, Marx, Freud, Lacan, …) ältlich erscheinen. Auch wenn er in vielen Aspketen scharf und klar vor allem kulturelle (im sprachlichen Handeln begründete) Missstände beobachtet, ist er einer, wie ich meine, überkommenen linken Analytik verpflichtet, die den Grundlagen und Perspektiven des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht wird.
Lesenswert, insbesondere die Kapitel 1, 2, 5 bis 7, und kritikwürdig.