Sag die Wahrheit

Durch's wilde Populistan

Sag die Wahrheit

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Only Truth Will Save Us

Ich las, das Schlimmste am herrschenden Populismus und (in) den Sozialen Medien seien nicht die Fake News oder der rechte RollBack, sondern die sich ausbreitenden Halbwahrheiten.  

Dass die halbe Wahrheit schlimmer, gefährlicher sei, als die komplette Lüge, das hat mir so unmittelbar eingeleuchtet, ein Gemeinplatz eigentlich, dass ich vergass, mir die Quelle zu merken, um das hier ordentlich zitieren zu können. Mist, wenn man nicht sofort und alles dokumentiert! Später dachte ich: „ob das vielleicht auch nur die halbe Wahrheit ist?“

Das Phänomen ist komplex.

Für die hilfsweise zusammenfassende Überschrift „Populismus“ ist es zu sperrig; zugleich lässt es sich nur schwer in distinkte Bestandteile zerlegen: in den Subkategorien herrschen Durcheinander, Abgrenzungsprobleme, aber auch zweifelhafte Zuordnungen. In welches Milieu genau soll ich die Freiheitsapostel in Birkenstock und mit „PACE“-Fahnen einsortieren? Bevor wir zu den Halbwahrheiten gelangen, müssen wir also einen Blick auf die Siedlungsgebiete dieses Populismus werfen:

  • da ist schon mal die Welt der Fake News à la Trump; bei ~20.000 präsidialen Lügen in nur vier Regierungsjahren würde allein die Suche nach halbwegs wahren Teilbehauptungen jedes Ehrenamt überfordern.
  • Etwas leichter fällt die Diagnose bei Verschwörungstheorien à la QAnon, an denen allenfalls der Massenwahn, den sie auslösen, wahrhaft und gewaltig ist.
  • Immerhin in der Nähe findet sich jene bereits genannte, esotherisch-obskurante Denkhaltung à la Querdenker. In ihrer allerhöchst diffusen Inkohärenz lassen sie sich ehestens der Heimat der Ver(w)irrten zuordnen.
  • Schwierig sind die „Analysen“ à la Sarrazin, die in lutherischer Selbststilisierung („Hier stehe ich …“) Sachverhalte, Interpretationen, Extrapolationen und Ideologien zu einer trüben Bouillabaisse verquirlen.
  • Und schliesslich, vermutlich nicht abschliessend, findet sich in diesem Umfeld auch die mediale Marktlückenversorgung à la Tichy, in deren opportunistischer Entfesselung es vor allem anderen darauf ankommt, mit spätpubertärer Prosa die Grenzen der Sagbaren auszutesten und dem Affen Zucker zu geben. 
     
  • In dieser Gemengelage könnte man beinahe vergessen, dass auch die Biotope der eher traditionellen Parteien und Medien weitläufige Sumpfgebiete ausweisen (müssen), in deren Treibsand immer mal wieder Einzelmeinungen und Inselhaltungen versinken, die später – isoliert und ausgesondert – in irgendein Auffanglager abseits irgendwelcher Achsen abdriften.

In der Summe, so scheint es, vermengen sich die Phänomene auf der Metaebene zu eben jenem 

„Austritt aus der Wirklichkeit“ 

wie ihn Harald Welzer und Peter Unfried mit Peter Sloterdijk als ein politisch-philosophisch-soziales Phänomen diskutieren. 
Die Lektüre ist unterhaltsam und ich stimme dem Trio in vielen Aspekten zu, zunächst, komme aber im Verlauf zu abweichenden Aspekten und mindestens einer weitergehenden These: Nur auf den ersten Blick erscheint das Getümmel als eine Schlacht am kalten Buffet der Realität – die ist nur der Vorwand! Tatsächlich geht es um Macht, um Deutungshoheit, um Ansprüche. Ich komme darauf zurück.

Wie gesagt: leider lassen sich in der Fülle des Gebrabbels handfeste Strukturen oder Gesetzmässigkeiten kaum dingfest machen. Die alte augenzwinkernde Erkenntnis, dass „alles mit allem irgendwie zusammenhänge“, hat sich nowadays zu einem Derivat verstiegen: „Alles ist mit allem irgendwie verklebt“.

Ihre existentielle Legitimation erfahren oder behaupten die oben, möglicherweise noch unvollständig, aufgeführten intellektuellen Wildgehege – sofern sie nicht irgendeiner Psychopathologie geschuldet sind – durch knapp dosierte Wahrheiten, Teil-Kenntnisse und -Erkenntnisse sowie Halbzitate, also jene meist aus den Kontexten herausgelösten Halbwahrheiten, die aus einem „wahren Kern“ eine Wolke frei-schwurbelnder Behauptungen ableiten – oder ihn, den Kern, in allerlei Geraune einbetten. Schwer zu sagen, wann dieser „Trend“ anfing: ich habe aufgeschnappt, dass bereits Cicero in den Reden gegen Verres seine Worte sehr klug halbgenau gewählt habe – ich müsste das prüfen; oder begann es mit der Konstantinischen Schenkung? Der Emser Depesche? Der Mondlandung? Mit 9/11? Da es mit der Kategorisierung so schwer ist, ist auch die historische Herleitung ungenau; sicher ist nur: neu ist der Trend nicht. 

Versuchsweise als „populistisches Paradox“ gekennzeichnet, stelle ich die Lage unter folgenden Befund: So unsicher die Anamnese, so schwerwiegend zugleich die Implikationen. Die Janusköpfigkeit des Populismus trägt auch nicht grade zur Übersichtlichkeit bei, lässt er sich doch in den von Alters her antagonistischen, munter aufeinander einklopfenden Lagern jeweils mit umgekehrtem Vorzeichen beobachten.

Die von der Rechten instrumentalisierten Halbwahrheiten sollen mit dem Wahren das Unwahre veredeln (gar beweisen, wenigstens insinuieren). Oft, wenn nicht überwiegend, geht es um die ganz grosse Einordnung, die Miro Dittrich romantisch nannte, weil sie von einer geordneten, gelenkten Welt ausgeht, in der wenige Puppenspieler die Weltbühne beherrschen. Josef Joffe hat diese Variante auf Zeitonline illustriert:

Gates hat 550 Millionen Dollar in die Virusforschung gesteckt. 
"Ein Falschspiel. Mit seinen Milliarden schmiert er Weltgesundheitsorganisation, Regierungen und Medien, um sie gefügig zu machen." 
Wozu? 
"Um die Meinung zu manipulieren, damit Staatsgelder in die Pharmaindustrie fließen. Scheinbar selbstlos, ist er an vielen Firmen beteiligt, die ihm Riesenrenditen verheißen." 
An welchen? 
"Die hat er gut kaschiert. Es kommt noch schlimmer. Polio-Vakzine haben Hunderttausende umgebracht. Tetanus-Impfungen enthalten Substanzen, die Millionen Frauen sterilisiert haben."

In dieser Diskussion verbreitet sich das Unwahre über die Interpretation von Sachverhalten, die, da sie in die dunklen Tiefen verschwörerischer Abreden zielen, unbeweisbar bleiben müssen. 

Das Beste an Verschwörungstheorien ist ihre Unwiderlegbarkeit. Es gibt keine Beweise? Dass es, wie der Zweifler nörgelt, keine gibt, ist doch der perfekte Beleg für die Konspiration. (J.Joffe; a.a.O.)

Der entscheidende Punkt hier ist, dass Sachverhalte und Interpretationen gleichrangig werden, ohne gleichartig zu sein.

Auf der Linken gibt oder gab es eine Debatte über einen linken Populismus [etwa über das Buch von Chantal Mouffe oder über einen Text von Charlotte Wiedemann] – das ist eine andere Diskussion! Ich spreche hier von einer anti-populistischen Haltung, in der es nämlich grad umgekehrt zugeht: hier wird nicht das Wahre in Haftung genommen, sondern das Unwahre: das überstrahlt „alles“ und kontaminiert auch etwa korrekte Sachverhalte. Etwa am Beispiel Thilo Sarrazins – den ich inhaltlich nicht diskutieren will! Mir geht es um die Übersprungsbewertung: dass ihm rassistische, populistische und rechte Argumentationsfiguren nachgewiesen werden können, entkräftet (oder vernichtet gar) auch solche Aussagen, die einer Überprüfung bereits standgehalten haben; anders gesagt: Weil Sarrazin ein Rassist ist, muss man sich mit seinen – ich nenne sie mal: vektoriellen – demographischen Befürchtungen gar nicht erst nicht befassen (die ihrerseits immer noch unzutreffend sein könnten). Auch im Umgang mit der AfD gibt es dieses Muster, für das eine verständliche, aber falsche Begründung gibt: Würde man die „korrekten“ Sachverhalte einräumen, sähe man sich in eine Zustimmung zu den daraus resultierenden Schlussfolgerungen genötigt. Lieber wischt man die Argumentation in Bausch und Bogen vom Tisch – mit der Folge (und deswegen ist die Begründung falsch), dass die „Opferargumentation“ des Gegenübers Futter bekommt.

Mal quergedacht

Man fängt ja erst dann an, über abgelegene Themen nachzudenken, wenn sie einem zu nahe kommen: ich wurde gefragt, ob ich am Ende etwa ein Querdenker sei. Puh! Die Frage hat mich in Verlegenheit gebracht. Zum Beispiel war ich mein Leben lang im Stillen stolz darauf, mir kein X für ein U vormachen zu lassen. Ich wollte mich – zum Beispiel – von den etwaigen Lebenslügen irgendwelcher Gruppen nie vereinnahmen lassen, und wenn es einen Elefanten im Raum gäbe, würde ich ihn stets auch benennen. So eine Position am Rande des Mainstream macht verdächtig, dabei wollte und sollte mein Querdenken der Aufklärung dienen: eigenständig, assoziativ, suchend, intelligent (äh, naja: hoffentlich). Ein Beispiel: die Urknall-Theorie. Abgesehen von der kaum ernsthaft diskutierbaren Physik jenes Augenblickes


Quelle: Ray Kurzweil, Homo S@piens, Köln 1999; Seite 425

und all den Annahmen, die er voraussetzen muss …, was, bitte, könnte eine solche Theorie erklären? Etwa den Beginn der Zeit? Was wäre dann vorher? Als ich mich zuletzt, bestimmt 10 Jahre her, mit dem Stand der „herrschenden Meinung“ in der Frage beschäftigte und offen gegen diese Art von Wissenschafts-Un-Sinn stellte, galt das als eine Art Gotteslästerei; quergedacht, das schon, aber – immerhin – noch im Rational. Mein Bekenntnis als Querdenker stammt allerdings aus grauer Vorzeit, bevor das Wort auf den Index geriet und ins Fahrwasser rechten Obskurantismus. Heute ist es mit dem Querdenken, wie mit der Moderne: Das war einmal ein nützlicher Begriff, bevor er fahrlässig verbraucht wurde. Aber zurück zur Wissenschaft.

Der Urknall

ist auch deswegen ein gutes Bild, weil es VOLLkommen wurscht ist, ob die Theorie stimmt oder nicht! Zeugen gab es keine, und, nach Lage der Dinge, wird in absehbarer Zeit auch niemand mal nachschauen, was denn da damals so los war, vor 13,5 Milliarden Jahren. Über die Existenz und den Verlauf des Urknalls sind nur Spekulationen zur Hand;  eine Wahrheit ist nicht verfügbar, nicht einmal zur Hälfte – sie hätte allerdings auch keine Auswirkungen! (1) In ihrem Buch "The Dispossessed. An Ambiguous Utopia", dt: Planet der Habenichtse, erzählt Ursula K. LeGuin von dem kargen, anarchistischen Planeten Anarres und dessen üppiger Ursprungswelt Urras, auf der es zugeht wie bei uns. Shevek, ein genialer theoretischer Physiker auf Anarres, entwickelt eine Theorie der Zeit und findet dabei sogar die "Weltformel". In seiner Welt, deren Gesellschaft wortwörtlich ums Überleben kämpfen muss, sind derlei wissenschaftliche Pirouetten ohne praktischen Nutzen und daher nur Ballast, den die Gemeinschaft nicht mitzuschleppen bereit ist. Er wandert aus und wird auf Urras mit Nobel- und anderen Preisen überhäuft. Ich muss immer wieder daran denken, wenn ich von den Erfolgen des CERN oder den jüngsten Entwicklungen der höheren Mathematik höre ...

These und Anti-These: Spekulation! – sie ist der Urknall aller Theorie. Annahmen und Interpretationen behandeln unbewiesene oder unbeweisbare Behauptungen; eben dieser Unterschied ist der Spiritus rector aller Wissenschaft. Halten wir wenigstens einmal fest, dass auch die Wissenschaft selbst ein Weltbild aus halben Wahrheiten erzeugt: 

  • Die Welt war flach. 
  • Die Alchemie, in der Nachfolge Jesus, verwandelt Blei zu Gold. 
  • Das „herrschende Weltmodell“ der Physik kennt 17 Elementarteilchen – hélas!: auch das gilt nur bis zum Beweis des Gegenteils! Denn seit ein paar Tagen drehen sich Myonen in der falschen Richtung und dieses Weltmodell bekommt einen Riss! 

Soeben erst! Der Riss ist noch frisch. Über das „herrschende Weltmodell“ darf man dann aber doch sagen: auch mit der halben Wahrheit liess sich leben! Flexibel bleiben! die letzten 100.000 Jahre ging es doch auch. 

Es kommt darauf an, ob und wenn ja welche Folgen die Wahrheit haben wird, wenn sie denn auf kurzen Beinen daher kommt – oder nur auf einem steht. Fliegt Dir Dein Kopf in den Korb, weil das versprochene Gold sich nicht herbeizaubern liess, oder fliegt Dir nur Dein Labor um die Ohren, weil Du stattdessen das Schwarzpulver gefunden hast? Ob Deine Wissenschaft Folgen haben wird oder nicht, lässt sich zur Basis der halben Wahrheiten nicht zuverlässig vorherbestimmen. Beim Einsatz der sogenannten Protonenkanone am CERN waren – möglicherweise – Schwarze Löcher nicht ausgeschlossen, und es kam zu gerichtlichen Bemühungen, die Experimente zu verbieten. Ein Verbot sei allemal sicherer, so die Argumentation, als dass ein Schwarzes Loch, eben wie es die Theorie behauptet (eine Spekulation!), alles aus seinem Umfeld aufsaugt, dabei grösser und masse- und damit energiereicher wird – und am Ende die ganze Welt verschluckt.
Auf die Frage der SZ: „Aber Sie sind nicht sicher?“ antwortete Gerard 't Hooft: „Die gängige Standardtheorie der Physik sagt, es sei unmöglich, dass im LHC ein schwarzes Loch entsteht. Aber es gibt neue, exotischere Theorien, die man nicht ignorieren darf.“
War es diese „Standardtheorie“, die gerade einen Riss bekam? Egal, et is ja nochma jutjejange.

Auch im wahren Leben sind halbwahre Operationen nicht ohne Tücken; Beispiel Corona. Eine erkleckliche Anzahl von Corona-Leugnern ist an dem Virus gestorben (google Dir sowas wie: „Bekannter Corona-Leugner (46) stirbt an Covid-19: Freunde wittern Verschwörung“). Das mit der Falsifizierung ihrer These ist für die Betroffenen dumm gelaufen; doch kann uns die „göttliche Gerechtigkeit“ (?!?) auch nicht beruhigen: Einerseits, weil möglicherweise Unschuldige kollaterale Opfer des Selbstversuchs geworden sind. Oder gar umgekehrt, wenn Donald Trump selbst die Infektion übersteht, andere aber, die von ihm infiziert wurden, nicht. 

Die übergeordnete Frage ist demnach, ob die halbe Wahrheit Folgen hat, ob sie schadet, und wenn ja, wem und in welchem Ausmass. Ein Schaden wäre immerhin ein gutes Indiz für die Unbrauchbarkeit, doch gibt es weiter reichende Probleme: denn nicht immer folgt der Schaden auf den Fuss.

Neulich hörte ich Attila Hildmann (im Radio), der Angela Merkel als zionistische Jüdin entlarvte, die von Rothschild den Auftrag habe, …was war es nochmal gleich; das ist mir jetzt entfallen …. Der gesunde Menschenverstand mutmasst in derlei Statements eine gewisse Verwerfung im präfrontalen Cortex und jedenfalls eine Aussage, die mit der Realität nichts zu tun hat; nur leider: Schön wär's! Denn der Herr Hiltmann ist Teil der Realität einer namhaften Anhängerschaft, wenn er nicht sogar den eigentlichen, konstitutiven Beitrag zur „Herstellung“ jener Realität liefert (2) Ich hatte einmal eine nähere Verwandte bei den Zeugen Jehovas; auch dort verfügt man über eine „andere Realität“. Wenn man es philosophisch abwiegen müsste, käme man zu dem Schluss, dass Gruppenzugehörigkeiten über Realitäten entscheiden, nicht aber „die“ Realität. Davor kann man natürlich nur warnen; und eben das ist das gesellschaftlich drohende Übel: der Verlust einer verbindlichen Realität durch deren Auflösung in zahllose Privatrealitäten. Tagesaktuell lässt sich das in der NYTimes nachlesen: „Democrats and Republicans No Longer Speak the Same Language“; die historische Vorlage des Geschehens ist unter dem Stichwort „Turmbau zu Babel“ recherchierbar. 

Es geht also gar nicht, kaum, selten, um unmittelbare Folgen (wie sie der Tod durch Corona darstellt)! Die in der Ausweitung der Privatrealitäten virulenten Gefahren sind mittel- wenn nicht gar langfristig; das Ausbleiben von Blitz und Donner macht uns gegenüber dem Schwachsinn duldsam; eine trügerische Sicherheit, denn das Risikopotential wächst im Verlauf. Je mehr Zeit vergeht, desto schwerer und nachhaltiger verbiegen sich die Realitäten. Ist der Schaden in den Hirnen erst einmal festgefressen, braucht es einen harten – vermutlich sogar gewaltsamen – Neustart, um die infizierten Köpfe zu Fakten, Argumenten und in den Konsens zurückzuführen (wieder geben die US-Republikaner dafür ein dramatisches Beispiel – wie auch die AfD). 

Als Indikator halber Wahrheiten erweist sich die Unbeweisbarkeit der anderen Hälfte; das ist … jedoch … nur halb wahr: es fehlt der Zeitstrahl. In vielen Fällen ist die Beweis- oder Unbeweisbarkeit der halben Hälfte „nur eine Frage der Zeit“; so war es bei den Thesen zur Alchemie oder zur flachen Erde. In einigen anderen Fällen ist mit einer Auflösung überhaupt nicht zu rechnen: Wahre, halbwahre oder unwahre Behauptungen darüber, was in ein paar Lichtjahren Entfernung stattfindet (oder eben nicht), in der Mitte von Schwarzen Löchern oder im Kopf von Bill Gates, werden, wenn nicht für immer, so doch für seeehr lange Zeiträume unüberprüfbar bleiben.

Mit dem Zeitfaktor kristallisiert allerdings eine weitere, interessante Facette. Für manche Aussagen, zum Beispiel wenn es um die Beschreibung oder Bekämpfung von Coronamutanten geht, gibt es „noch“ keine eindeutige Bewertung: wir wissen es schlicht noch nicht, oder nur hier ein wenig und dort etwas mehr. Interessant ist aber auch daran der Umkehrschluss: Wir streiten – in aller Regel – NUR über Sachverhalte, die wir nicht wissen. Über unumstössliche Sachverhalte – sagen wir mal: über die Existenz der Schwerkraft – lohnt der Streit nicht. Dann aber ist es eigentlich logisch, dass es sich ebesowenig lohnt, über unentscheidbare Sachverhalte oder Zufälle zu streiten – also etwa: über den Urknall oder den Verlauf einer Infektion! 

Mit dieser Beobachtung rückt die Diskussionen auf eine höhere Ebene, zeigt sie doch, dass alle Versuche, mit blankem Unsinn oder halben Wahrheiten diskursiven Einfluss zu gewinnen, in ihren Motiven von den Sachverhalten weg: nämlich auf die Machtverhältnissen verweisen. Wenn es aber um das „Ich oder Du“ geht und nicht um das richtig oder falsch, dann macht auch die Diskussion von Widersprüchen oder Beweisbarkeiten gar keinen Sinn. Populistische wie die anti-populistische Operationen kreisen um die Ansprüche ihrer Protagonisten auf: gesellschaftliche Verfügung oderUmverteilung, Richtlinien- oder Regelungskompetenz.

Zu kurz gesprungen wäre dagegen auch die Vorstellung, dass es um gar keine Inhalte geht; nur eben nicht um jene, die diskutiert werden. Dass unterschiedliche Ansprüche überhaupt aneinander geraten, dazu braucht es einen Riss im „herrschenden Modell“ und einen daraus resultierenden Geltungsverlust der „Erzählung“ wie auch der Autorität ihrer Protagonisten. Egal welches; ob das jetzt das Weltmodell der Physik ist, oder das Wirtschaftsmodell des Kapitalismus, das Politikmodell der Demokratie oder die Hegemonie des Patriachats: wenn ein Modell Risse bekommt, beginnt der Streit des Neuen mit dem Alten. Wider die theoretisch sattelfesten, praktisch aber bröselnden Autoritäten wird argumentativ schlicht alles ausprobiert, die Angreifer haben nichts zu verlieren. Während die Trutzburg des alten Modells wie auf einer uneinnehmbaren Kuppe steht, fehlen dem Neuen sogar noch an den Grundfesten, an einem ebenso belastbaren Modell; mindestens wackelt es noch! Und also wogen die Argumente über Höhen und Tiefen, quer durch die Logik und den abstrusesten Blödsinn. 

Ich fass das nochmal holzschnittartig zusammen:

Die Diagnose von einem „Ausstieg aus der Wirklichkeit“ trifft zwar den Moment: In der Gesellschaft grassiert ein kollektiver Wahn. Dessen Ursachen haben gleichwohl wenig mit den (jeweils) umstrittenen Sachverhalten zu tun, nicht mit Corona, nicht mit der EU und nicht mit der Lügenpresse, sondern … resultieren aus der in Auflösung befindlichen integrativen und legitimierenden Kraft des herrschenden „Systems“.

Wer nicht versteht, dass es sich um einen Machtkampf handelt, ficht an der falschen Front.
Und wer nicht versteht, dass es ein überzeugendes Modell braucht, den Kampf zu entscheiden, ficht mit den falschen Waffen.

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