Das öko-liberale Narrativ ist – ein Phasenmodell

Weltrettung zufällig entdeckt?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

 

Die Frage nach dem Narrativ hat ihre besten Tage hinter sich. Nachdem es vor Jahren in Mode geriet, hatte es sich wie eine Mischung aus Schleimspur und rotem Faden durch die Feuilletons gezogen: nirgendwo fehlte es nicht. Fragst Du Google, fehlt es der EU, der Schweiz, der SPD. Der Deutschlandfunk dagegen versendet einen Kommentar von Christian Schüle, der das Gerede für Unsinn hält: „Wer Stories will, soll Krimis lesen!“

Ja, was denn nun!

Noch keine Bewertungen vorhanden

Bevor wir ins Detail gehen, will ich erst einmal das Überflüssige vom Tisch wischen: Jene abertausende von Narrativen, die nicht das ökologisch-wünschenswerte und ökonomisch-tragfähige Gesellschaftsmodell (ÖÖG) beschreiben (wollen), sind nur eitles Girlandenwerk von irgendwelchen Zeilenschindern. Das geht mich nichts an, davon rede ich nicht. Mir geht’s um’s Ganze, und eben da fehlt’s, schon lange!

Eine Lücke voller Wollmäuse

In meiner Jugend galt der Sozialismus als die grosse Erzählung: nicht der im Ostblock praktizierte Staatsnotstand, aber doch die Sache mit dem Volk und dem Nadelöhr, den Produktionsmitteln und der Gerechtigkeit. Dann aber, mit dem Ostblock, gingen auch all die dialektisch mühsam ausgeklügelten, alternativen Alternativen den Bach hinunter. Nebst dem intellektuellen Überbau, der auf dem linken Ticket sein Leben bestritt; transzendierte nach Goa oder gleich ins Nirvana. Francis Fukuyama verkündete den historischen Sieg der liberalen, demokratischen Marktwirtschaft; Moore und Metcalfe kannte er nicht.

Auf ihren mächtigen Schwingen war – ungefähr zeitgleich – im Silicon Valley ein vielleicht zeitgemässerer Entwurf entstanden: eine neue Ökonomie, für die sich blauäugige Hippies und Anarchos-auf-Probe mit dem Neo-Liberalismus verbündet hatten. Auch sie glaubten, anfangs, sie würden die Welt verbessern, Friede, Freundschaft, Freiheit und Wissen für alle. Fünf Minuten später, kaum waren sie 30, ging es nur noch darum, sich die Welt unter den Nagel zu reissen. „Die Daten liegen im Netz, nimm Du sie, bevor es ein anderer tut.“ Alsbald balgten sie sich nur noch um die Titelblätter des Time Magazine und die Spitzenplätze auf den Fortune-Listen. Als New Economy war die Geschichte schon 2001 gescheitert, mit den Jahren ist auch der Gartner Hype Cycle an sein Ende gekommen: das Valley döst hinab in den Sonnenuntergang. Dass die FAZ in Peter Thiel den Prototypen dieser business-smarten Libertären mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ehrte, ist ein besonders kantiger, logischer Schlusspunkt.

Inzwischen war den Fanfaren Fukuyamas die Luft aus gegangen, und 2001 und gleich nochmal 2008 schlugen sie sich gar das Blech blutig. So kam die Stunde für ein paar Unentwegte, darunter Žižek, Fraser, de Lagasnerie, Kunkel. Sie rochen oder (t)witterten eine Chance und wollten den Sozialismus wiederbeleben – kritisch erneuert oder in irgendeiner Umverpackung, etwa als „transformativer Realismus“. Es will nicht recht gelingen. Mal fehlt die Klasse, mal das Bewusstsein, kein Wunder! Die Restarbeiterschaft ist inzwischen „vom Fach“ und versteht sich, VW, Daimler und BMW sei Dank, als Mittelschicht. Dagegen haben sich die prekären Identitäten der Gegenwart soweit in ihr jeweiliges Abseits verstiegen, dass mit ihnen kein Staat zu machen ist.

Der Vollständigkeit halber müsste ich jetzt noch rasch die StaMoKap-Diktatur Chinas abfertigen, und räume ich auch ein: um all die verflossenen Versuche seriös zu beerdigen, müsste ich ein paar mehr Details beleuchten, but c’mon: das wäre im günstigsten Fall rückwärts gewandt. Ich kürze das ab: die alten Weltmodelle scheitern, weil sie alle die unendliche Quadratur eines endlichen Kreises behaupten.

Heute, Greta sei Dank, attestiert die Weltöffentlichkeit dem kapitalen Businesmodell nicht nur ein paar Risiken, sie musste vielmehr deren existentielle Bedrohlichkeit anerkennen. Zaghaft mutig deshalb die frische Frage, wie denn die Welt möglicherweise anders organisiert werden könnte.

Dass wir ein neues Narrativ brauchen hat also seinen guten Grund: mit dem Klimawandel kollabiert das Modell der Welt, die Mär vom ewigen Wachstum erweist sich als unhaltbar; aber auch dass wir keines haben, liegt auf der Hand: nämlich in dem Widerspruch, dass das Leben doch bitte so weitergehen soll, wie es, „da sagst Du was“, nicht weiter gehen kann. Ein in sich verkeiltes Patt: Die Einsicht in die Notwendigkeit und der Unwille, die mutmasslichen Konsequenzen zu erdulden. Dieser Widerspruch wird sich, so sieht es aus, nur gewaltsam auflösen, nämlich genau dann, wenn die bestehende Welt an den Naturkräften zerschellt.
Soweit die dystopische Gegenwartsverlängerung.

Aber: Noch reden wir.

Nach Jahrzehnten des Leugnens hat sich – wenigstens in der westlichen Welt – ein breiter Konsens entwickelt, vielstimmig: Die Gutwilligen propagieren die Verantwortung des Einzelnen, als ganz besonders gutwillig qualifizieren sich jene, die den ganzen Überfluss für unnötig erklären. Dagegen verteidigen die Besserwisser ihr sündiges Leben mit der frech behaupteten Erkenntnis, dass nur politische Lösungen der Dimension der Probleme beikommen. Andere verweisen darauf, dass Technologien schon so manche Katastrophe verhinderten. Wieder andere verlegen sich auf irgendein „Ja, aber …“ – und manche raunen gar von „Widerstand“ (siehe Andreas Malm).

Die Kakophonie, bei allem Bekennergeist, reflektiert ein Tabu: Darüber, dass niemand weiss, wie es gehen soll, schweigen alle. Genau daran leidet die Suche nach dem Narrativ: dass sich niemand vorstellen kann, wie eine ganze Gesellschaft den nötigen Verzicht freiwillig leistet – schon bei steigenden Benzinpreisen brennt die Luft. Weitere Hürden versperren den Weg: bereits die nationale, und wie erst die globale Ökonomie, haben Komplexitätslevels erreicht, denen sich niemand mehr gewachsen fühlt. Woher den Mut nehmen, auch nur den Ansatz eines tauglichen Modells zu formulieren! Höchstqualifizierte Wissenschaftler verkämpfen ihr Leben über schmalen Detailfragen, Marginalien mitunter, die – dann – zusammenzuführen weder eine überblickende Instanz noch die Energie zur Verfügung stehen. Nicht zu reden von den Ungleichzeitigkeiten (der Umstände, der Erkenntnisse, der Vermittlung …). Es scheint, als sässe die ganze Menschheit in der Falle ihrer selbstgeschaffenen Umstände: Viele verlegen sich auf feurig bunte Katastrophenszenarios.

Und doch hoffen wir.

Zu den erstaunlichen Rahmenbedingungen dieser Falle gehört, dass „wir“ (hier: die Menschheit) über beachtliche, wenn nicht sogar ausserordentliche Werkzeuge verfügen. Vielleicht kennen wir nicht jede Ursache, aber doch sehr viele und in grosser Breite und Tiefe. Wir wissen um systemische Prozesse und die realwirtschaftliche Steuerung. Mit ein paar Ab- und vielleicht auch mal Rückschlägen, verfügen wir aber doch über fast alles, das es braucht, um die zentralen Probleme anzugehen. Die wir auch kennen!, die meisten in all ihren Facetten, die anderen wenigstens in Umrissen.

Seit Jahren denke ich darüber nach, wie dieses Dilemma zu überwinden ist: Die meisten Probleme könnten gelöst werden, aber der Schritt von der Einsicht hin zur Umsetzung bleibt aus. Wasch mir den Pelz; nur Vorsicht bitte, ich bin Wasser-intolerant. Vorschläge die Menge, aber kein verbindliches Zielbild und, spoiler alert: ich habe es auch nicht. Dennoch – und ich sage es, weil es doch nicht allein für mich gilt – stehen wir dem Dilemma nicht komplett hilflos gegenüber.

Flucht in die Praxis

In meiner beruflichen Laufbahn als Berater habe ich viele komplexe Problemlagen gesehen – fast alle waren auf die Uneinigkeit der stakeholder in der Frage der Zielsetzung zurückzuführen. In den Unternehmen divergieren die Interessen von Management und Belegschaft. Oder es bestehen Zielkonflikte verschiedener Unternehmensbereiche. Oder die Konflikte lassen sich als „das Alter vs. das Neue“ zusammenfassen, bei dem das „not invented here“ gern eine prominente Rolle einnimmt.

Mein beruflicher Werkzeugkasten verfügte über eine Reihe von Methoden, um in vergleichbaren Konflikten voran zu kommen. „Slicing the elephant.“ Eines der wirksamsten Instrumente besteht darin, ein komplexes Problem aufzuspalten und in kleinere, handhabbarere Teile zu aufzufächern. Beinahe sofort zeigt das Verfahren eine Reihe von „quick wins“, Fälle, die relativ leicht gelöst werden können. Als noch wichtiger als der rasche Erfolg erweist es sich, dass mit dem Ausräumen von kleinen Stolpersteinen grosse Wirkungen einher gehen, allen voran die Freilegung des Kernkonfliktes. Der nämlich nicht länger mit nachrangigen Sachkonflikten verquirlt wird, seien sie begründet oder (oft genug) vorgeschützt, seien sie materieller oder (oft genug) prozessualer Natur.

Das Verfahren war, soweit meine Erfahrung reicht, immer hilf- und meistens erfolgreich; ging es gut, liessen sich mit kleinen Stellschrauben erhebliche Widerstände auflösen. Vor allem aber konnte man so einen gordischen Knoten in eine Hierarchie der Schwierigkeiten überführen, auch wenn deren letzte – natürlich: die antagonistischen Interessen – allein dadurch nicht aus der Welt war. Oft genug verblieb eine machtvolle Entscheidung als einziger, letzter Ausweg. Der eigentliche Clou: Genau das – Sieg oder Niederlage einer Seite – macht es leichter! Der lähmende Schwebezustand ist vom Tisch, anständige Sieger und gute Verlierer kommen miteinander aus, arrogante Sieger und schlechte Verlierer dagegen werden sich trennen. Müssen.

Berlin, U-Bahnhof Bundestag

Halten wir zunächst einmal fest, dass die berüchtigten „Differenzlisten“ der Jamaica-Verhandlungen 2017 das Gegenteil von dem waren, was ich „slicen“ nenne! Hier standen nicht Probleme der Gesellschaft auf dem Prüfstand: umgekehrt verstellten die Befindlichkeiten der Parteien, ihre Interessen, den Diskussionsbeginn selbst. Nicht das Problem war der Feind, es war der Vorwand; der Feind war der Andere.

Jetzt bestaunen wir die Lernkurve: Nach eben dieser Einsicht – so scheint es wenigstens – handeln heuer die Grünen und die Gelben; und möglicherweise schlägt eben dieser Vorgang eine Brücke hin zu einem neuen Narrativ.
Ausserordentliches war geschehen:

Olaf Scholz hatte „die Wahl gewonnen“.

Doch was für ein Sieg ist das, wenn die dritt- und die viertstärkste Kraft darüber entscheiden, ob dem Sieg auch eine Siegerehrung folgt? Die Demokratie reibt sich die Augen: dem Wahlsieger wurde der Auftrag, eine Regierung zu bilden, schlicht aus den Händen genommen. Und so geht es ja weiter: solange sich grün und gelb einig sind, bekommen wir einen Kanzler von ihren Gnaden. Was für ein Frühstücksdirektor ist das dann?

Wir haben in den letzten Tagen schon verschiedentlich gehört und gelesen, dass die Zeit der grossen Volksparteien vorbei sei. Ein wenig voreilig, vielleicht, richtig ist aber doch: von dem, was einmal eine Volkspartei ausmachte, von der Vermittlung divergenter Vorstellungen unter einem Lebens- und Gesellschaftsmodell, ist nahezu nichts übrig geblieben. Das fängt bei der gestalterischen Leere an und hört beim Mangel an Prozentpunkten auf; ein Mangel, der, je nach dem, wen Du fragst, sich auf das Personal verteilt oder die Programme. Denkt man so.

Aber man muss genauer hinschauen: stimmt es denn, dass SPD und Union unfähig wären, die Probleme a) zu erkennen und b) angemessen zu adressieren? In meinen Augen ist das naiv: analytisch und strategisch gibt es überall kluge Köpfe. Das genügt nur nicht, denn die Schwierigkeit der praktischen Umsetzung besteht darin, dass Politik insgesamt in einem Kräfte„parallelogramm“ stattfindet, das, leider, mehr als nur vier Ankerpunkte aufweist: es ist poly-dimensional.

Dabei ist nicht immer/gleich erkennbar, welche kollateralen Bewegungen von einer Kraft – an irgendeinem anderen Ankerpunkt, fernab, ausgelöst werden. Wer z.B. über Nordstream 2 debattiert, bewegt sich zugleich in den Diskussionen der Energie- wie der Verkehrs- und auch der Europapolitik, plus der transatlantischen Beziehungen, möglicherweise spielt Afrika eine Rolle, und vermutlich noch einer ganze Latte weiterer Themenfelder, darunter kleinteiliges wie Lager- und Arbeitsplätze in Stralsund. Einige dieser Fernwirkungen lassen sich erahnen, andere treten überraschend zu Tage; fast nie lässt sich die ihnen innewohnende Dynamik abschätzen. Denn dahinein wirken wieder ganz andere Kräfte, darunter die Medien. Anders gesagt: nicht allein das Kräfte„parallelogramm“ ist poly-dimensional, die meisten Ankerpunkte sind zugleich Ankerpunkte in anderen Netzen (in der Partei, in der Region, in der Öffentlichkeit, in der Familie …).

Der kleine Schlenker soll zeigen, dass Programme und Personal nur ein Teil der Gemengelage sind. Weder die Parteien als Ganzes, noch das Personal im Einzelnen (es gibt Ausnahmen ...), sind dumm , und die Grünen oder die FDP sind auch nicht schlauer! Sie bewohnen andere Ankerpunkte – verfügen über andere Kräften und lösen andere Schwingungen aus.

Diese Analyse ist unpolitisch, bis hier her: sie ist sozial, psychologisch, gruppendynamisch etc., nicht politisch. Oder sind wir genauer: „alle“ ziehen und zerren an den Kraftlinien, um etwas Gewünschtes zu evozieren, das dann, leider, oft Unerwünschtes im Beifang hat. Man zielt direkt, doch der Stoss geht, irgendwie und ständig, zugleich über Bande. Diese Stellungskriege im Vorfeld haben mit den Problemen selbst wenig, wenn überhaupt irgendwas zu tun. Die eigentliche Politik beginnt erst danach: Mit Budgets, Gesetzen, Massnahmen.

Wenn also den Volksparteien etwas abgeht oder verloren gegangen ist, so sind es nicht Intelligenz oder Programmatik, sondern das ihnen gewährte Zutrauen, etwas irgendwie Atmosphärisches, Virtuelles, magisch Magnetisches, mit dem es vormals gelang, einige und mitunter gar die Mehrheit dieser psychologischen Kraftfelder zu vermitteln, zu integrieren, zu harmonisieren und im Zweifel auch stillzustellen. Und diese Kraft (ganz früher einmal „der Glaube“) wohnt in der händeringend gesuchten Erzählung, dem Mythos, dem SinnBild, unter dem sich eine Gesellschaft sortiert. Wo sie, er oder es fehlt, kommt der Volkspartei das Volk abhanden – und dem Volk das Verständnis vom Ganzen.

An diesem Punkt der Argumentation wäre es nötig, von Markt und Medien zu sprechen, denn es ist nicht „die Schuld“ der Volksparteien, wenn ihre Bindungskräfte schwinden – oder eben nur mittelbar! Die Erbsünde der westlichen Welt, eigentlich, ist der Markt, mit dessen Vorzügen wir uns hier nicht aufhalten wollen. Negativ zu Buche schlägt, dass die Medien dem Markt ausgesetzt sind, sie sich folglich darin „positionieren“ müssen, was ungefähr das Gegenteil ihres ursprünglichen Auftrages (wir erinnern uns: … die räsonierende Öffentlichkeit …) ist. Sich zu positionieren nämlich heisst, jedes daherkommende Narrativ zu dekonstruieren. Logisch! Würden alle Medien das Gleiche behaupten, brauchten wir alle Medien nicht; die „Bild“ oder das „Neue Deutschland“ würden genügen. Es ist also vollkommen wurscht, was welche Volkspartei „hegemonial“ behauptet, … die sich im Markt differenzierenden Medien werden es schon irgendwie zermalmen und zerstäuben und in alle Winde verstreuen. Und selbst damit hecheln sie nur den Entwicklungen hinterher, die, nowadays, in den sogenannten „sozialen Medien“ verbrannte Erde im industriellen Massstab vorproduzieren.

Das ist ein grosses Problem,

das ich erwähne, weil es sein muss – … tatsächlich überfrachtet es den hier verfolgten Ansatz. Die Suche nach dem Narrativ ist auch so schon ein komplexes Unterfangen, muss es doch die Realität einerseits zusammenhalten UND, andererseits, mit einem Zielbild überwölben.

Und diese Realität ist nicht (mehr) jene aus den Hochglanzbroschüren der Volksparteien. Mass und Mitte, Wachstum und Wohlstand, gut und sicher, Respekt und Solidarität – das alles gibt es schon auch, aber nur „noch“, und es beschreibt nicht das Leben, und richtiger: nicht mehr die Zukunft. Die in der Gesellschaft vagabundierenden Erwartungen haben ihre privaten Rückzugsorte verloren, „my home is my castle“, als das Klima seine Unwetter vorbei schickte. Die Volksparteien konnten ihr Volk zutexten, solange die Probleme vor der Tür blieben. Doch die Hitzerekorde, Waldbrände, Dürre- und Unwetter- und Überschwemmungssommer – plus Corona – haben das Narrativ von der dynamischen, sozialen, marktwirtschaftlichen, heilen Welt geschleift, wenigstens aber zeigt es Risse wie das Haus Usher.

Das haben die Grünen benannt – erstmals vor Jahrzehnten. Heute, endlich, verschafft ihnen das die Legitimation, jene Fragen anzugehen, vor denen sie seit den 1980er Jahren warnen. Nun haben sich (soll ich sagen: leider?) im Lauf der Zeit eine Reihe von „realpolitischen“ Einsichten in die Partei eingeschlichen; zu ihrem Credo jedoch gehört seit eh und je, dass der Markt die in ihm begründeten Probleme nicht regeln kann, nie regeln wird; sie deswegen reguliert werden müssen. Theoretisch ist Robert Habeck möglicherweise schon viel weiter, in ihrer nunmehr weichergespülten politischen Realität jedoch behaupten die Grünen, dass wir nur damit aufhören müssen, das Richtige falsch anzugehen – und dann werden wieder Sahnetörtchen auf den Bäumen wachsen (Stichwort: Grünes Wachstum). Mit dieser, ich sag mal: Godesberger Abkehr von der reinen Realität“ haben sie sich zugleich anschlussfähig gemacht – und de facto einen sehr viel grösseren politischen Schritt getan, als die FDP, die sich bloss zur Erneuerung bekennt.

Was nun die FDP angeht, so macht sie es etwas, aber nicht viel anders. Zwar will sie den Klimawandel ernst nehmen, nur um gleich hernach alle Freiheiten zu fordern, die ihn beschleunigen. Ihr Trick ist, die Wahrheit hinter der Realität zu verstecken. Denn, und deshalb kommen sie mit ihrem Trick durch, eine Gesellschaft von 80 Millionen erzeugt – vom Aldi  bis zum Porsche – eine weitläufige Bedürfnislandschaft, die, so haben wir uns eingerichtet, nur der Markt zu leisten verspricht. Das ist die Realität. Die FDP sagt das, und das Publikum nickt.

Die beiden Positionen klingen unvereinbar: In der Gegenüberstellung erscheinen die Grünen als die zeitgemässen Konservativen und die FDP als die neuen Progressiven? Modernen?; die Pointe jedoch ist, dass sich für die Lösung der Probleme von Gesellschaft und Ökonomie beide Ausrichtungen vereinigen müssen. Dann nämlich, zusammen genommen, ergibt sich ein Programm, das, überraschenderweise, mit Regulativen und Innovationen, Gesetz und Markt, Verzicht und Freiheit, sich wenigstens in der Nähe der Probleme aufhält. In den programmatischen Ausrichtungen dieser beiden Parteien liegen die Widersprüche wenigstens auf dem Tisch und mindestens zur Hälfte weniger unter dem Teppich, als bei SPD und Union zusammen. Zwei Halbwahrheiten, das ja, in ihnen haben aber Grüne und FDP ungefähr das gesagt, was alle sehen und denken – und haben in der zurückliegenden Wahl – in Summe – auch mehr Menschen überzeugt, als jede der beiden Volksparteien ohne Volk. Machen wir uns nichts vor: Es sind immer noch zwei Parteien und solange sie getrennt auftreten, bleibt das die alte Welt. Aber …

… merkst Du was? Hier braucht es, so etwas wie das Reality Distortion Field des Steve Jobs: Denn die eigentlich logische Folge wäre doch, dass sie sich zusammentun, um eine neue, um die Volkspartei des Übergangs zu werden. Im Umgang mit der Kanzlerschaft habe sie gezeigt, was dann geht.

Warum eine Öko-Liberale Partei?

„Hört, Hört!“ – so wurde die Zitrus-Koalition (z.B. hier) zwar an verschiedenen Stellen angedeutet, ernsthaft aber von niemandem in Erwägung gezogen. Auch sah es noch vor wenigen Wochen anders aus: In der (vermutlich auch intellektuellen) Aufgabenteilung hatte Annalena Baerbock (und viele Grüne mit ihr) das Segel „sozial-ökologisch“ ausgerichtet: wer das Wohlstandswachstum nur grün umlackieren will, sieht in der SPD den natürlichen Partner. Robert Habeck hielt die Jamaica-Option offen, taktisch klug, denn wer genauer hinschaut weiss, dass die Parteien überraschend immer dort performen, wo man sie programmatisch nicht vermutet. Jamaica war, vielleicht mit Norbert Röttgen, nicht aber mit Laschet und Söder eine wirkliche Option. Dann lehrte das Wahlergebnis, dass beide Ansätze im alten Denken verhaftet waren. Wenn es Grüne und Liberale richtig lesen, und rein praktisch haben sie damit schon begonnen, werden sie zu anderen Schlussfolgerungen kommen.

Ich habe angedeutet, dass die Sozialen und die Medien den gesellschaftlichen Konsens zerredet haben und im Verlauf der Operation die Existenzbedingungen der beiden Volksparteien zerbröselten. Das ist eine halbe Wahrheit, denn ohne einen fundamentalen Angriffspunkt wäre der Angriff misslungen. Die alten Volksparteien repräsentierten, grob gesprochen, die Interessen von Kapital und Arbeit. In Wahrheit ist das natürlich schon eine Weile her, hat doch das in den Begriffen gebundene Gegensatzpaar in der Nachkriegsaera – und mit dem RollOut des tertiären Sektors – sukzessive an Gültigkeit, sagen wir Beschreibungskraft, verloren. Seit dem Ozonloch, dem Waldsterben, und mit Wucht in den (weltweiten) ökologischen Katastrophen der letzten Jahre, wuchs aber eine andere Dichotomie heran, die inzwischen die Gegenwart dominiert:

Leben oder Überleben.

Leben: Wenn das Land/die Welt nicht zerbrechen soll, muss es irgendwie so weiter gehen wie bisher. Überleben: Wenn die Welt/das Land nicht untergehen soll, muss „alles“ anders werden als bisher. Ein klassischer double bind: zwei gleichzeitig gültige, sich diametral widersprechende Forderungen, die an dem gleichen Ankerpunkt angreifen. Als diejenigen, die in und von dieser Welt leben (müssen, wollen), muss uns daran gelegen sein, den Widerspruch aufzulösen. Von den (alten) Volksparteien haben wir nichts mehr zu erwarten, ihnen steckt die Historie in den Kleidern. Richard David Precht sagte es sinngemäss so: das neue Paradigma passt nicht in die DNA der Wachstumsparteien.

Auch wenn man Grünen und FDP kritisch gegenübersteht, muss man doch einräumen, dass sie den Notstand reflektieren. Während die bürgerlich moderne FDP – in Anerkennung des Problems – die lieb gewonnenen Standards des Lebens sicherstellen will, verlegen sich die bürgerlich konservativen Grünen darauf, das Überleben in den Vordergrund zur rücken. Natürlich haben die Grünen das Primat, weil ohne Überleben kein Leben. Ebenso folgerichtig ist aber auch, dass die FDP das erste Interesse des Volkes hochhält, weil das Leben auch lebenswürdig sein soll.

FDP plus Grüne, Grüne plus FDP, gemeinsam repräsentieren sie die fundamental veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: in der jungen Mitte wird eine „neue“ Weltbeschreibung möglich. Natürlich verharren nicht wenige auch der in diesen Parteien zusammengefassten Kräfte in den Denkmustern der alten Welt, angefangen bei Christian Lindner und nicht geendet bei den Frauen in den Grünen. Sie beharren auf ihren Ideologien und „ollen Machtspielchen“. Erfolg verspricht das nicht, für keine der beiden. Umgekehrt erwüchse aber ein Ticket zu langfristiger Gestaltungsmacht, wenn es ihnen gelänge, aus der Einsicht in die zentrale Konfliktlage eben gemeinsam ein Modell zu formulieren, das versucht, die anstehenden Krisen (noch, irgendwie) handhabbar zu machen.

Bedauerlich, dass das schnell gehen müsste.

Diese Dringlichkeit beeinträchtigt natürlich die Suche nach dem Narrativ: die Probleme können nicht warten, bis die berufenen Teile der Gesellschaft oder gar der Parteien mit dem Denken fertig sind. Logisch zu Ende gedacht, hilft in dieser Zwickmühle vielleicht meine Hausfrauen-Rezeptur aus der Beratung. Der Gedanke, die Komplexität zu slicen, ist schon ... gut, gleichwohl noch nicht hinreichend. Denn wollte und täte man „das-alles-zugleich“, so entstünde ein heilloses Kuddelmuddel, und die Linke wüsste nicht, was die Rechte tut. Die Bearbeitung der Teilprobleme zu organisieren, zu priorisieren heisst aber, sie auf dem Zeitstrahl, und mit Blick auf die Abhängigkeiten, zu ordnen. „First things first!“ Es ist klar, wo es brennt, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wie der Wiederaufbau erfolgen soll. Und mit diesem Gedanken überführen wir das oben geforderte ÖÖG in ein

Phasenmodell.

Das massive gesellschaftliche Rumpeln zu managen, nämlich zunächst einmal die CO2-Lasten auf Null zu bringen und den Müll wegzuräumen – und, btw, ist das ja kein bloss nationales Ziel – steht fraglos als Motto über der Phase 1. Richtig: In einem Phasenmodell folgt auf die erste eine zweite Phase, eine dritte usw., aber: Die Aufgabe ist auch so gross genug, weiter sollte man vorerst gar nicht denken wollen. Würde es der Zitrus-Koalition gelingen, diese Aufgabe überzeugend auszubuchstabieren, wäre ihr die Zustimmung des Volkes sicher; die Phase 1 wäre damit die Aufgabe und die Wegbeschreibung für eine öko-liberale Volkspartei  – oder sagen wir doch es so:

Phase 1DAS ist das neue Narrativ.