Meine Gedanken zum Jahreswechsel haben den Ereignissen nicht standgehalten. Über die Halbwertzeit dieser, meiner Revision wage ich keine Mutmassungen. Ein paar Überlegungen zur Ausrichtung des geopolitischen Denkens in Europa, so hoffe ich wenigstens, halten etwas länger – während sie zugleich rasche Wirkung beanspruchen ... Es war einmal ein Schutzschirm ...
Die Mär vom nuklearen Schutzschirm
99 Luftballons
Wie viele Sprengköpfe braucht die Apokalypse
From Dusk til Dawn
Präambel
Mit den USA bin ich … – vielleicht besser: von den USA werde ich seit meiner Jugend beschäftigt. In jungen Jahren waren es kulturelle Einflüsse, die Literatur, die Filme, der Jazz, die mich geprägt haben. Schon früh spielten politische Entwicklungen eine wachsende Rolle, die sozusagen in einem Wechselbad zu meiner Weltsicht und -beobachtung beigetragen haben. Als Student durchlebte ich einen aufbrausenden Anit-Amerikanismus; sozusagen das Ergebnis der Des-Illusionierung und eines reifenden Urteils … bevor Reisen einem moderateren, mehrschichtigen USA-Bild Platz gemacht haben; meine berufliche- und vor allem auch die technologische Entwicklung spielten eine Rolle. Eine Achterbahn aus Nähe und – im jüngeren Verlauf – Entfremdung spiegeln sich in meinen Texten; so etwa im letzten Drittel dieses Essays (aus 2020). Darin geht es nur scheinbar um die USA-Serie „Suits”, ich könnte „Yellowstone” ähnlich kommentieren: nämlich mit wachsendem Befremden (und die „reale” Nachrichtenlage tat das Ihre dazu). Je nach dem, wie man es angeht, liess sich in den „tieferen Schichten” oder auf der Metaebene dieser „kulturellen Bestandsaufnamen” beobachten, wie sich die USA in diesen stilisierten, gleichsam tippelnden „Alltags”-Episoden aus ihrer paternalistischen, (nach dem Faschismus) gleichwohl akzeptierten Rolle des Werte-Partners verabschiedet haben. Und ja, in der Kritik schwingen auch Trennungsschmerzen mit.
Immer deutlicher wurde – und jetzt ist es schlicht unabweisbar: Als Europäer verbindet uns nichts mehr, zumindest immer weniger mit dem US-Kontinent. Mit Donald Trump schlägt diese Entfremdung (schliesslich) in die Politik durch; anders als in den 50, 60, 70er Jahren, in denen die Kritik an der US-Politik (nur beispielhaft: der Vietnam-Krieg) von einer kulturellen Gegenbewegung ungefähr balanciert wurde (nur beispielhaft: Woodstock), finden sich in der kulturellen Waagschale heute nur noch, überwiegend, verrottete Sachverhalte.
Jetzt drängt sich sogar die Frage auf, was eigentlich die US-Amerikaner, die ihr Nazi-Bild von Deutschland wie eine Balkonpflanze pflegen, ihrerseits gegen den aufgebrochenen Faschismus tun.
Frühere Texte:
https://timelabs.de/de/preview/blog/president-trump (9-11-2016)
https://timelabs.de/de/preview/tldr/nato-as-a-service (13-3-2019)
https://timelabs.de/de/preview/blog/wenn-sich-die-nato-aufloeste (11-3-2020)
https://timelabs.de/de/preview/blog/usa-iran-europa (9-5-2020)
https://timelabs.de/de/preview/tldr/trumpeter (28-7-2020)
https://timelabs.de/de/preview/blog/trump-bleibt-praesident (5-11-2020)
https://timelabs.de/de/preview/blog/wenn-trump-gewinnt (7-10-2024)
https://timelabs.de/de/preview/tldr/das-project-2025-ist-eine-blaupause (30-8-2024)
https://timelabs.de/de/preview/tldr/going-nuclear-0 (14-8-2025)
Die Welt
… hat sich ein Jahr weiter gedreht. Mich bewegen die politischen Beben, na Du weisst schon: 30xTrump, 15xUkraine, 10xEU, 8xMerz, …; die Zusammenfassung tönt überall ähnlich: es sieht nicht gut aus. Und immer neue Schauplätze stehlen einander im Stundentakt die Schau, Venezuela, Grönland, Kuba, Kanada, man weiss nicht, wo man zuerst hinschauen soll, während die Ukraine weiter zerbombt und zerschossen wird.
So weit, so schlecht; aber mehr noch als die Beben bewegt mich deren Ausbleiben. Was meint: „deren Ausbleiben”?
Kurz und knapp: eine „angemessene Reaktion“ findet nicht statt. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, oder? – wäre das nicht normal? Ich habe gelernt: wie man in den Wald hinein ruft … ja? Oder?
Pustekuchen.
Im Weissen Haus – und bei zahllosen anderen Gelegenheiten – geben Staats-ChefInnen in wechselnd-ähnlicher Besetzung die Augsburger Puppenkiste, zappeln ein wenig, wackeln mit den Köpfchen und reisen wieder ab. Beim ganz grossen Piratenmeeting sausen die Enterhaken in die russischen Milliarden, doch hoppla, es war nur eine Übung mit Pappschildern, nach dem Tanz zahlt der europäische Steuerzahler, mit der CreditCard.
Donald Trump zerrüttelt die Welt, und Deutschland, und Europa auch, pfeifen im dunklen Wald. Soll ich es wiederholen? Das Ausbleiben von auch nur ansatzweise angemessenen Reaktionen ist erschütternd, in der strategischen Bewertung sogar schrecklicher, als es die realen Beben sind.
Und mindestens ebenso erschütternd ist, dass ich mit dieser Klage „mitten im Strom” schwimme: Von NPR bis DLF, von der Glocke aus Ölde bis zur Süddeutschen aus München, vom Economist aus London bis zum WallStreet Journal aus New York, von Gavin Newsom (D) Gouverneur aus Californien bis Thom Tillis (R), Senator aus North Carolina (und mit ihm 9 weitere Republikaner), und einhellig sogar die Staats- und Völkerrechtsprofessorenden, die ansonsten, jedes für sich, sechs, sieben Meinungen zu einem Sachverhalt anbieten, „alle Welt” fragt inzwischen, wie lange man diesem anarcho-terroristischen Treiben noch zusehen kann.
Fast könnte man meinen, dass wenigstens die deutsche Öffentlichkeit verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat; naja: kommt drauf an, wen man fragt. Die gleichen Journalistenden, die eben noch den Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung beklagten, schreiben gleich nach ihrem Weltkommentar in der Rubrik „Lokales” die Europäische Union in den Dutt, erklären wochenlang die „bedingte Abwehrbereitschaft” Deutschlands, Europas, „analysieren” die Unfähigkeit der Regierung. Jede Nachwuchsredakteurende darf allmorgendlich ihre staatspolitischen Stirnfalten kräuseln, jeder Hauptstadt-Kommentierender weiss es besser als die an ihrem Mandat schleppenden.
Erste Frage – was eigentlich wiegt schwerer: die europäische Schwäche oder das defaitistische Gerede und Geschreibe? Die PodCasts sirren nur so vom Common Nonsense: wir können nicht ohne die USA, der Schutzschirm, die NSA, die Kapazitäten, so trabt die Sau durch’s Dorf. Psychologie – wie an der Börse – dominiert auch die Politik, wenn nicht gar Psychopathologie. Das ganze Genörgel und Gejammer halbiert den realen Wirkungsgrad; wirklich hilfreich wäre es, den Bleistift einmal umzudrehen, um die Chancen und Potentiale in den Blick zu nehmen. Die „Schwäche” Europas, mit 1,5 Mio SoldatInnen unter Waffen und dem zweitgrössten Militärbudget der Welt, ist genauso eine Schimäre wie der US-Schutzschirm. (Und dann, wenn schon einmal die Vernunft ins Spiel kommt, wäre auch der Moment festzustellen, dass die militärische Pseudo-Logik letztlich auf ein lose-lose-Nullsummenspiel hinausläuft.)
Die Mär vom Schutzschirm
Ich habe eine Weile gebraucht, um es recht zu verstehen, warum die vermeintliche Schwäche Europas mit dem „Schutzschirm” anfängt, nämlich mit der kollektiven Verblendung (nur?) der deutschen Qualitäts-Öffentlichkeit, nach der der Schutzschirm uns (Deutschland/Europa) schützt.
Diesen Schutzschirm beschreibt Adam Posen (Präsident des „Peterson Institute for International Economics“, ein US-ThinkTank (No 13 in US; No 20 worldwide; siehe auch unten) als „eine Versicherung”, deren Leistungen aber nie in Anspruch genommen wurden. Mehr noch: käme es heute zum Schadensfall, das sage ich (Nachtrag, zu spät gehört: auch Holger Stark im „Politikteil” der ZEIT), würde der Versicherer den Vertrag nicht erfüllen; der Artikel 5 des NATO-Vertrages erwiese sich als blosse Luftnummer!
(Plus: seit einer Woche muss man den Artikel 5 ja aus Dänmark Perspektive lesen …).
Tatsächlich schützt der sogenannte „Schutzschirm“ das US-Homeland, machte Europa zum Glacis und Deutschland (und Hattenheim im Besonderen) zum Ground Zero. Da hilft die ganze NATO-Osterweiterung nichts: Vor allem die US-Stützpunkte in wären Primärziele eines etwaigen russischen Erstschlags – und (halb?) Deutschland läge statt unter einem Schutz- nunmehr unter einem Strahlungsschirm:
- "Ramstein Air Base (Rheinland-Pfalz): Europas wichtigster Militärflughafen der USA, Drehscheibe für Transport und Logistik, Sitz des NATO-Luftraumüberwachungskommandos.
- Büchel (Rheinland-Pfalz): Stationierung von Atomwaffen.
- Spangdahlem Air Base (Rheinland-Pfalz): Weitere große Luftwaffenbasis.
- Stuttgart (Patch Barracks): Hauptquartier des EUCOM (United States European Command) und des AFRICOM (African Command).
- Grafenwöhr/Vilseck (Bayern): Wichtige Standorte für Übungen und das 2nd Stryker Cavalry Regiment, mit dem größten Truppenübungsplatz Europas.
- Wiesbaden: Sitz des Hauptquartiers der US Army in Europa.” [Wikipedia]
Ich meine jedoch, es ist zwingend, die Schutzschirmideologie aus einer anderen Perspektive zu beleuchten: Wie viele Sprengköpfe braucht es für eine glaubwürdige Abschreckung? Wirkt denn der (abschreckende) Schutzschirm, wenn er bemüht werden müsste, erst oberhalb x-Tausend einsetzbarer Sprengköpfe? Frankreich verfügt über 250 (grosse, strategische) atomare Sprengköpfe, wollte sich UK, wie es aktuell aussieht, wieder unter der europäischen Flagge einsortieren, wären es rund doppelt soviele; im Juli 2025 haben UK und Frankreich eine enge Kooperation in Sachen nukleare Abschreckung verabredet.
Während die britischen Atomwaffen ausschliesslich seegestützt sind und auf US-Trägerraketen angewiesen wären (Frage: sitzen die Sprengköpfe bereits auf den Raketen oder müssten diese Träger erst in die U-Boote überführt werden, wenn es drauf ankommt?), sind die französischen unabhängig und luft- und seegestützt; rechnen wir zunächst nur mit Frankreich und unterstellen, dass 90 Prozent dieser Sprengköpfe „im Fall des Falles” von der russischen Luftabwehr abgefangen werden könnten (¿?), so würden immer noch 25 Bomben russische Ziele verwüsten. …
Richtig: Das Gerede von Erst- und Zweitschlagpotentialen lässt sich kaum ernsthaft zu einem Ergebnis ausrechnen: Russland und Europa würden im nuklearen Feuer untergehen, plus nachfolgender Schrecken; … soll es aber auch nicht, denn in der Logik der Atombomben geht es um Abschreckung. Und ich kann nicht erkennen, dass eine europäische Abschreckung (wegen der "nur 500" Sprengköpfe) weniger abschrecken würde.
Über Jahrzehnte indoktrinierten amerikanische und europäische „Transatlantiker” vor allem die europäische Öffentlichkeit mit der Erzählung vom Freund und Partner. Niemand hörte zu, als Kissinger zur Seite sprach:
„Die USA haben keine Freunde, die USA haben Interessen.“
Erst im Zusammenspiel der Indoktrination und Verblendung der (deutschen) Qualitätsöffentlichkeit entsteht der kollektive Wahn der deutschen und europäischen Selbstverzwergung; und der hat eine zweite, unausgeleuchtete Seite, nämlich die vollkommene Verschattung der Bedeutung Europas für die USA.
Celeste A. Wallander war Stv. Verteidigungsministerin unter Biden; sie warnte sie die Amerikaner: „Beware the Europe You Wish For“ (in „Foreign Affairs“ Jul/Aug 2025); unter anderem weist sie nach, dass die US-Militärindustrie ohne die Waffenkäufe der Europäer nicht funktionieren würde, dass die US-Politik im Nahen Osten von den Stützpunkten in Europa abhängt, und dass auch die US-Russland-Politik nicht ohne Europa funktioniert. Sie ist weder die Erste noch die Einzige, die politischen Realismus gegen die öffentliche Meinung stellt. Noch deutlicher benennt Adam Posen das Ungleichgewicht der Vorteile zwischen den USA und Europa („Foreign Affairs“ Sep/Oct 2025, S.26):
„Trump und seine Berater würden argumentieren, dass dies schlichte Gegenseitigkeit ist, eine faire Behandlung für Länder, die ihrer Ansicht nach die Vereinigten Staaten jahrzehntelang ausgenutzt haben. Doch diese Länder haben nie etwas herausgeholt, was auch nur annähernd dem entspricht, was die Vereinigten Staaten erhalten haben: spottbillige langfristige Kredite an die US-Regierung; unverhältnismäßig massive Auslandsinvestitionen in amerikanische Unternehmen und die US-Arbeitskräfte; eine nahezu weltweite Einhaltung der technischen und rechtlichen Standards der USA, die den in den USA ansässigen Produzenten Vorteile verschaffte; die Abhängigkeit vom US-Finanzsystem für den Großteil der globalen Transaktionen und Reserven; die Einhaltung der US-Initiativen zu Sanktionen; Zahlungen für die Stationierung amerikanischer Truppen; weit verbreitete Abhängigkeit von der US-Rüstungsindustrie; und vor allem ein anhaltender Anstieg des amerikanischen Lebensstandards.“
Schliesslich wird in einer dritten Dimension kontinuierlich Unsinn verbreitet: Zwar haben die USA das grösste Militärbudget der Welt (816 bn $, die europäischen NATO-Partner kommen auf zusammen 559 bn $), doch nur ein Bruchteil davon kommt originär der NATO zugute
„Washington finances 15.8% of the military alliance’s yearly expenditure of around $3.5 billion. It’s the joint largest share, alongside Germany’s, according to a NATO breakdown for 2024.", Reuters
Der Löwenanteil des US-Militär-Budgets fliesst in die Homeland-Security und die Weltpolitik (wer von einer „Überdehnung” der US-Politik spricht, sollte hier ansetzen!).
Um meine Argumentation nicht fahrlässig der Kritik auszusetzen: Ohne Frage haben die USA die stärkste Militärmacht der Welt; ebenso fraglos würde sie die aber nicht (mehr) in den Dienst der Nato stellen; Adam Tooze (Columbia), Ezra Klein (NYT), Susan Glasser (New Yorker) und Holger Stark (Zeit) bestätigen diese Einschätzung, und nicht zuletzt auch die neue US-Sicherheitsstrategie lässt daran keinen Zweifel. Ohne Frage ist die europäische Militärmacht nicht als Streitmacht geeint (und auch in der Waffenpolitik in nationalen Egoismen gefangen); ebenso fraglos aber sind die über Jahrzehnte gewachsenen und erprobten NATO-Strukturen auch ohne den Hegemon einsetzbar – insbesondere, wenn sie der Not gehorchen müssten. Dass der Wille dazu wächst, wachsen muss, erscheint im Lichte der jüngsten Ereignisse zwingend, und immerhin diese Notwendigkeit ist auch in der deutschen Qualitätsöffentlichkeit angekommen.
Die Schwäche Europas
Während ich mich mit Nachdruck dagegen wende, Deutschlands und Europas Potentiale notorisch kleinzureden und herunterzuschreiben, habe ich umgekehrt zugleich Null Ambitionen, die Situation, wie sie ist, schönzureden; ich bemühe mich, die Mehrheit meiner Naivitäten in Schach zu halten: Einig und stark, entschieden und Handlungs-orientiert ist Europa nicht. Im Vordergrund stehen ökonomische und militärische short comings.
Für die ökonomische Seite gibt es – auch – „relativ gute” Gründe: Europa ist kein Bundesstaat; bestenfalls, so der von Paul Kirchhof eingeführte Begriff, ein Staatenverbund. Und solange und soweit die Nationen/Staaten auf ihren Souveränitäten bestehen, ist es schwer, 27 Positionen auf Linie zu bringen. Noch schwerer ist es natürlich, mit Läusen im Pelz ruhig am Tisch zu sitzen. Ich frage mich, was eigentlich der grössere Schaden ist: wenn die Vizegradstaaten in den russischen Cordon Sanitaire übersiedeln (und damit – sehr zur Freude Putins – die NATO-Osterweiterung zurückdrehen würden), oder wenn sie in der EU beständig Obstruktionspolitik betreiben und genau das produzieren, was als European weakness beschrieben wird. Mir jedenfalls liegt diese illoyale Schmarotzerhaltung quer im Kopf, und ich habe Tendenz, Orban et. all. in den Osten abzuschieben.
Auf der anderen Seite – soviel europäische Dialektik muss auch sein: Solange die EU sich nicht bemüssigt fühlt, z.B. Ungarns Abhängigkeiten von russischem Öl – im Sinne eines Länderlastenausgleichs – durch solidarische Energiesubventionierung auszugleichen, sollte man, muss ich, die moralische Bewertung zumindest überprüfen.
Dagegen gibt es für die militärische Seite nur relativ schlechte Gründe: kleinkrämerische und national-egoistische Motive; das FCAS-Projekt ist eine Paradebeispiel dafür. In Europa wurden 180 – in den Gattungen konkurrierende – Waffensysteme entwickelt. Diese Systeme werden von eifersüchtig abgegrenzten Kleinarmeen vorgehalten, die, überdies von restriktiven Budgets behindert, weder allein den „relevanten” Szenarien standhalten, noch auf eine konzertierte Handlungsbefähigung ausgerichtet sind – jedenfalls nicht abseits der NATO-Regularien. Und die dominiert der Hegemon (wie erwähnt sind die britischen Nuklearwaffen auf US-Trägersysteme angewiesen; das Beispiel steht für viele, die in Summe darauf verweisen, an wessen Interessen die NATO ausgerichtet ist).
Remedur
Am Anfang einer Problemlösung steht, muss stets die Analyse stehen. Insoweit folge ich der kritischen Qualitätsöffentlichkeit. In der Folge jedoch wird ein Problem nicht dadurch gelöst, dass es wieder und immer wieder benannt wird. Aufsetzend auf der Analyse muss dann die Beschreibung des Lösungsweges erfolgen, wenigstens ansatzweise.
- Dieser Lösungsweg beginnt mit einem Relaunch der NATO als EUTO. Ohne einen Bruch mit den USA wird das nicht gehen, denn jeder „unterhalb” angestrebte Kompromiss würde, man soll sich da nichts vormachen, im Ergebnis zu einer Fortschreibung des Status Quo führen. Dieser Relaunch muss sofort, in der Realität heisst das: vorab, eine europäische nukleare Abschreckung installieren. Der französisch-britische Kooperationsvertrag zielt genau darauf – und zeigt zugleich, welche Zeit die europäischen Staatschefs mit ihrem Trump-Gehudel gewinnen wollen: der Relaunch braucht einen gewissen Vorlauf.
Da es unrealistisch erscheint, dass die USA auf dem amerikanischen Kontinent EU-Aussenposten dulden, ist nicht auszuschliessen, dass Kanada und Grönland im Verlauf „von Europa aufgegeben” werden müssen; günstigstenfalls in die Neutralität. - Der zweite, unmittelbar anschliessende Schritt muss in der Errichtung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft erfolgen, unter einem (vermutlich) französischen Generalsekretär und einem (vermutlich) britischen SACEUR.
- Der dritte Schritt müsste in der Zusammenführung der Aufklärungsdienste Europas nach dem Muster der 5-Eyes bestehen. Der zweite und der dritte Schritt fordern eine Entscheidung darüber, wohin das United Kingdom gehört. Es steht zu erwarten, dass die US-Administration nichts unversucht lassen wird, die „special relationship” neuerlich mit intensivem Leben zu füllen, vermutlich mit beeindruckenden Incentives. Die Briten werden sich schwer tun, dem zu widerstehen. Eine (sowieso) hilfreiche Massnahme könnte sein, Englisch als erste Amtssprache der Union einzuführen.
- Im vierten Schritt wird es darum gehen müssen, den Euro – und sei es in einer digitalen Version (¿davon versteh ich zu wenig) – als Weltwährung zu etablieren (vergleiche e-Yuan und CIPS).
- Der logische fünfte Schritt bestünde in der Etablierung einer zentralen politischen Führung. Schon bis hierher war/ist jeder Schritt von Tretminen und Selbstschussanlagen bedroht, Egoismen, Narzissmen, Nationalismen und Eifersüchteleien die Menge!
Gesucht wird ein Mensch m/w/d, der/die/das seine/ihre Herkunft überwindet und sich als Europäer versteht, das EU-Wohl vor dem Einzelstaatsinteresse ausbuchstabiert, und es versteht, die grossen und die kleinen Interessen hinter einer Entscheidung zu versammeln.
Der Schlüssel dafür liegt nicht darin, die antagonistischen Kräfte in Kompromissen zu bändigen – auch mag vorkommen und gefordert sein! –, sondern eine eigene Vision, ein eigenes Programm überzeugend zu kommunizieren und effektiv zu verfolgen; das Projekt 2025 ist in seiner Anlage (nicht in seinen Zielen!) – und nach einer Revision – eine wertvolle Anleitung.
Auch das braucht einen gehörigen Vorlauf, insbesondere weil - der sechste Schritt in einer massiven, nachhaltigen, europaweiten Öffentlichkeitskampagne bestehen muss, für die all die längst des-illusionierten Transatlantiker des Kontinents gewonnen werden müssen.
- Langfristig gilt es, die sogenannte „Finalitätsfrage” zu beantworten, die sich ungefähr so zusammenfasse liesse: Was ist das politische Zielbild, zu dem sich die EU entwickeln soll – und warum!
Auf die ersten fünf Schritte hätte die Öffentlichkeit kaum irgendeinen Einfluss; und den sollte sie auch nicht haben! Pläne in dieser Dimension zerfleddern in der Öffentlichkeit, bevor sie überhaupt Traktion gewinnen können. Es geht nicht anders: das muss im Stillen passieren und in den Hinterzimmern der Macht verabredet werden. Darauf aber, das öffentliche Klima für eine solche Entwicklung herzustellen und abzusichern, darauf hätte die Öffentlichkeit jeden nur denkbaren Einfluss! Voraussetzung dafür ist ein Wandel im Bewusstsein der Protagonisten der meinungsführenden Öffentlichkeit (wie er sich ähnlich aktuell nur in der chinesischen Führung beobachten lässt): die Ausrichtung der eigenen Arbeit auf ein langfristiges sozusagen vektorielles Ziel. (Vektoriell meint: alles ist im Fluss, eine dogmatische Position wäre den Anpassungsforderungen auf dem Zeitstrahl nicht gewachsen; aber das Ziel muss klar und unumstösslich die notwendigen Anpassungen ausrichten.)
Wann, wenn nicht jetzt!